Dr. Ulrich Wendel: Die Bibel wird auch „Heilige Schrift“ genannt. Aber warum ist sie heilig? Nur weil es viele Menschen gibt, denen sie heilig ist? Oder gibt es etwas darüber hinaus?
Andreas Malessa: Ich habe durch fast lebenslanges Bibellesen die Erfahrung gemacht, dass die Bibel mehr sagt, als der Text sagt, nämlich mich anregt, mit Gott in Verbindung zu kommen. Ich höre Gottes Reden in der Bibel. Das ist zunächst ein gläubiges Vorschussvertrauen, das ich den „Buddenbrooks“ und Grimms Märchen nicht entgegenbringe. Doch dieses Vertrauen ist dadurch entstanden, dass ich erlebte: Sie verwirklicht sich im Alltag ständig. Die Schriftstellerin Ricarda Huch sagte: „In der Bibel stehen lauter alte Geschichten, die jeden Tag neu passieren.“ In der Beobachtung, dass der Bibel nichts Menschliches und nichts Göttliches fremd ist, hat sie ihre Besonderheit – das meint ja „heilig“ – und ihren Unterschied zu anderen literarischen Texten erwiesen. Sie ist das menschenkundigste und – genau gelesen – auch menschenfreundlichste Buch, das die Welt, Gott und den Menschen am dichtesten beschreibt.
Dr. Ulrich Wendel: Dir wurde in der Familie, als du Kind warst, jeden Mittag die Bibel vorgelesen, und zwar vor dem Nachtisch. Hast du bei dir je ein Bibel-Trauma festgestellt?
Andreas Malessa: Nie! Und deshalb hat mich der Bibel-Hass einiger führender Atheisten, die ich mal interviewt habe, kalt erwischt. Denn ich hatte es intelligenten Menschen nicht zugetraut, dass sie so doof die Bibel lesen: als müsse man, wenn es heißt: „Tötet die Amalekiter alle“, das sofort tun (vgl. 1. Samuel 15,18 und 5. Mose 25,19). Ich meinerseits habe kein Bibel-Trauma. Ich musste auch nichts gequält auswendig lernen. Es ist eher über die Jahrzehnte positiv eingesickert. Und zwar nicht nur als Sammlung der hübschesten Lieblingsverse, sondern – als Kind eines Pastorenhaushalts – in großen Bögen und Zusammenhängen.
Dr. Ulrich Wendel: Die Bibel besser verstehen lernen, nicht so platt wie eben beschrieben, das wäre also eine wichtige Aufgabe heute?
Andreas Malessa: Ja, und zwar im Blick auf drei Gruppen, die ich momentan wahrnehme: Zum einen viele säkulare Zeitgenossen, die aber durchaus neugierig sind auf die Bibel. Das merke ich zum Beispiel daran, wie Texte von mir über die Bibel im säkularen Kulturbetrieb und in Familien genutzt werden. Zum anderen die Frommen, die ihre Bibel immer weniger kennen. Und zum dritten fromme Wortführer, die mit dröhnendem Pathos Bekenntnisse zur Bibel einfordern – und sie dabei oft für ihre eigenen Konzepte instrumentalisieren nach dem Motto, die Bibel sage „ganz eindeutig“ dies oder das. Auf diesem Hintergrund wollte ich gerne eine laienverständliche und dabei zugleich apologetische Hermeneutik schreiben.
Dr. Ulrich Wendel: Hermeneutik heißt …
Andreas Malessa: Hinweise, wie man die Bibel verstehen kann und vielleicht sollte.
Dr. Ulrich Wendel: Als eine „hermeneutische“ Leitlinie hast du den Theologen Heinz Zahrnt zitiert: „Gott gab uns sein Wort, aber nicht seine Wörter“. Dahinter steht ja die Überlegung: Wer die Bibel wörtlich nimmt, nimmt sie nicht unbedingt ernst. Warum aber ist sie dann für dich glaubwürdig?
Andreas Malessa: Weil ich jedem Menschen, der Lesen und Schreiben gelernt hat, zutraue, dass er das Geschriebene und wörtlich Gesagte vom sinnhaft Gemeinten unterscheiden kann. Das können wir alle!
Dr. Ulrich Wendel: Aber braucht es nicht doch definierte Kriterien für eine solche Unterscheidung?
Andreas Malessa: Im Judentum wird hier gern auf Psalm 32,8 verwiesen: „Ich will dich unterweisen und dir den Weg zeigen, den du gehen sollst; ich will dich mit meinen Augen leiten. Seid nicht wie Rosse und Maultiere, die ohne Verstand sind, denen man Zaum und Gebiss anlegen muss; sie werden sonst nicht zu dir kommen.“ Zaum und Zügel, das wäre die Peitsche der Gesetzlichkeit. Gott hingegen ist wie ein „Pferdeflüsterer“. Er setzt voraus, dass wir in Blickkontakt sind.So ergeben sich biblische Weisungen für mich nach folgenden Schritten: Was steht da? Wie war dies zur Zeit der Niederschrift gemeint? Was ist also die Absicht des Autors? Was heißt das in unsere heutige Zeit übersetzt? Und schließlich: Was sagt mir mein Gewissen und meine Vernunft? Von daher kann man nicht gut sagen: Dieser Text sagt eindeutig und zeitlos gültig für alle und immer dies, und deshalb muss man es so machen.
Dr. Ulrich Wendel: Du sprichst vom Blickkontakt. In deinem Buch hast du geschrieben: „Das ‚historisch-kritische‘ Bibellesen im betenden Dialog mit dem Auferstandenen hilft mir, knifflige Gewissensentscheidungen nicht immer nur von meinem derzeitigen Bewusstseinsstand und meinen aktuell emotionalen Befindlichkeiten her zu treffen.“ Wie sieht denn so ein betender Dialog aus? Erklärt dir der Herr Jesus das, was die Bibelkommentare offen gelassen haben?
Andreas Malessa: (Lacht) Ja, wie redet der Auferstandene zu uns? Zuallererst tatsächlich durch die Bibel. Aber was tue ich, wenn zum Beispiel Paulus an der einen Stelle sagt: Frauen werden durch das Gebären von Kindern gerettet, und an der anderen Stelle: Allein der Glaube ist es, der rettet? Das ist ein objektiver Widerspruch. Hier gehe ich in den betenden Dialog, und der Auferstandene sagt mir: Paulus hatte gute Gründe, damals einer bestimmten Gemeinde das zu schreiben, was er schrieb. Wenn der Auferstandene in mir Gestalt gewinnt und lebt, geht er mit mir auch durch die Zeiten. Dann muss ich nicht im 21. Jahrhundert ein Freilichtmuseum aufbauen, in dem es aussieht wie zu Zeiten von Jesus, sondern ich entscheide mich heute für Römer 3 („allein aus Glauben“) und gegen 1. Timotheus 2 (gerettet durch Kindergebären“). Solche Entscheidungen treffen übrigens alle gläubigen Leute in Wirklichkeit. Sie geben sich nur oft keine Rechenschaft darüber, nach welchen Kriterien sie innerhalb des Neuen Testaments gewichten, sortieren oder ignorieren.
Dr. Ulrich Wendel: Aber hat das Gebet tatsächlich einen Einfluss auf den Erkenntnisprozess des Abwägens?
Andreas Malessa: Ich hoffe, es hat einen großen Einfluss darauf! Und Christus redet ja vielfältig, unter anderem auch durch die „Unterredung unter Brüdern“, wie man früher sagte – heute würden wir hier zum Beispiel vom Hauskreis sprechen. Innerer Dialog mit dem Auferstandenen passiert ja nicht nur, wenn ich die Hände falte und die Augen schließe, sondern als Nachfolger Jesu lebe ich ja mit dem Auferstandenen. Der Dialog mit Jesus umfasst Denken und Fühlen und Singen und Gottesdienstbesuch – es ist eine kontinuierliche Kommunikation.
Dr. Ulrich Wendel: Wir sprechen über die Kriterien, anhand derer man Bibeltexte heute versteht und anwendet. In deinem Buch nennst du drei „Deckendübel“, an denen solche Entscheidungen „verschraubt“ sind: Wort Gottes, Gewissen und eigenes Denken. Ist Wort Gottes also nur eine Sache von dreien – und kann vielleicht von den anderen überstimmt werden? Es kann doch nicht um ein gleichseitiges Dreieck gehen! Für Martin Luther, auf den du dich berufst, war das Gewissen doch in Gottes Wort „gefangen“!
Andreas Malessa: Nein, es ist kein gleichseitiges Dreieck. Sonst könnte ich mich ja vielleicht auch vorwiegend nach meinem Gewissen richten – und wer weiß, wovon das geprägt ist. Ich meine vielmehr: In allen dreien ist der Auferstandene präsent. Erstens kann mein Gewissen durch meine christliche Sozialisation auch von Christus geprägt sein. Mein Verstand, zweitens, ebenso. Von Petrus heißt es einmal in der Bibel: „Noch während er darüber nachdachte, sprach der Heilige Geist.“ Beides kann also zusammengehen! Und dann das Wort als drittes Element, und zwar von „hinten“, von Christus her gelesen. In diesem Dreieck spielt sich das betende Fragen ab.
Dr. Ulrich Wendel: Das Gewissen kann auch bei Christen von sehr unchristlichen Faktoren geprägt sein, da kann sich alles Mögliche als „richtig“ anfühlen.
Andreas Malessa: Ja klar. Das ist vielleicht der schwächste meiner drei „Deckendübel“. Es geht mir nicht um ein postmodern-hedonistisches „Gut ist, was mir guttut“. Das Gewissen muss an der Schrift ausgerichtet sein. Aber an der christologisch gedeuteten Schrift.
Dr. Ulrich Wendel: Manche gehen mit einer Art Dominotheorie an die Bibel heran: Wenn ich an einer einzigen Stelle etwas bezweifle, fällt die ganze Reihe der Steine nacheinander um. Wer also nicht glaubt, die Erde sei in sieben Kalendertagen erschaffen, der glaubt auch nicht an die Auferstehung von Jesus. Du wehrst dich gegen solche mechanistischen Auffassungen, gegen solche „theologischen Flaschenzüge“. Warum?
Andreas Malessa: Weil diese Dominotheorie einfach nicht stimmt. Das Beispiel von vielen gläubigen Wissenschaftlern widerlegt diesen Zusammenhang. Sie – und ich – glauben sehr wohl an die Auferstehung von Jesus, und zugleich denke ich, dass die Erde älter als 6000 Jahre ist. Beides geht sehr wohl miteinander! Ich glaube an die Heiligkeit und die Autorität der Bibel – auch wenn ich weiß, dass die Erde keine „Säulen“ hat, auf denen sie steht. Ich mache doch der biblischen Hanna und dem Asaf, die das besangen, keinen Vorwurf! Aber ich mache jenen einen Vorwurf, die so tun, als müssten wir Asafs Weltbild übernehmen.
Dr. Ulrich Wendel: Es ist also nicht jeder Bibeltext mit den Maßstäben der Naturwissenschaft zu bearbeiten?
Andreas Malessa: Ich denke, so gut wie jeder Mensch kann sehr einfach unterscheiden zwischen Sachinformation und Poesie. Denken wir mal an eine Geburtsanzeige. „In unserem Herzen ging die Sonne auf“, kann es da heißen. „Tobias wurde am 13.8. um 4:30 Uhr geboren.“ Das eine ist Poesie, das andere Sachinformation, und ich kann es innerhalb einer Klappkarte in drei Sekunden unterscheiden. Warum sollten wir das dann in der Bibel nicht differenzieren können? Zwischen Doku und Spielfilm können wir doch auch unterschieden. In der Bibel ist eine Menge Spielfilm. Was nicht heißt, dass dies unwahr wäre! Es hat nur einen anderen Wahrheitsbegriff.
Dr. Ulrich Wendel: Ganz am Anfang hast du aber von Atheisten gesprochen, die auch sehr schnell einzelne Texte wörtlich nehmen und für heute verbindlich ansehen.
Andreas Malessa: Ja, da treffen sich atheistische Fundamentalisten und Hardcore-Fundamentalisten. Das sind die einzigen, die die Texte nicht unterscheiden wollen.
Dr. Ulrich Wendel: Mit Missverständnissen über die Bibel aufzuräumen, ist dein Anliegen. Was ist aus deiner Sicht das größte Missverständnis säkularer Zeitgenossen über die Bibel?
Andreas Malessa: Sie sei eine antike, irrelevante Gesetzessammlung und für das reale Alltagsleben im 21. Jahrhundert unbrauchbar. Ich würde gern auf die Bibel neugierig machen, ihre Prägekraft würdigen, ihre Relevanz beweisen, vielleicht sogar. Immer unter dem Vorzeichen: Sie ist das Zeugnis, dass es Jesus von Nazareth gegeben hat und gibt und dass Gott präsentisch, heute, zu uns spricht.
Dr. Ulrich Wendel: Andreas, ich danke dir für das Gespräch!
Andreas Malessa ist ARD-Hörfunkjournalist, Theologe, Buchautor, Musical-Librettist, Referent und Moderator.








































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