»Ich war völlig geschockt und konnte nur heulen«, erzählt Hanna. Sie war zu dem Zeitpunkt am Anfang ihres Studiums, seit knapp einem Jahr mit ihrem Freund zusammen und fühlte sich in der Beziehung nicht wohl.
Hannas Welt bricht noch in der Praxis zusammen. Sie weiß direkt, dass es nur zwei Optionen gibt: Sie bekommt in wenigen Monaten ein Kind oder sie treibt ab. Beides ist für sie unvorstellbar. Durch ihren Glauben war eine Abtreibung für sie bisher nie eine Option – sie war aber auch noch nie in einer Situation wie dieser. Sie hat Angst, was eine Abtreibung psychisch mit ihr machen könnte. Gleichzeitig sieht sie keine realistische Möglichkeit, ein Kind zu bekommen.
Eine wichtige Umarmung
Die Ärztin merkt, wie unglücklich Hanna ist, und gibt ihr eine Karte der AWO. Dort müsste sie vor einer Abtreibung ein Gespräch führen. »Die Ärztin meinte zu mir, dass ich erst in der fünften Woche bin und noch einfach mit einer Tablette abtreiben könnte. Das wäre schnell gemacht.«
Heute weiß Hanna: Sie hätte sich schon in der Praxis mehr Aufklärung in beide Richtungen gewünscht. Vor allem ein Hinweis darauf, dass sie Zeit hat. Sie muss nicht am gleichen Tag entscheiden, was der nächste Schritt ist.
Noch in der Praxis ruft sie ihren Freund an, heute nennt sie ihn »den Erzeuger« ihres Sohnes. Sie bittet ihn, zur Praxis zu kommen. Er meint aber, er kommt erst, wenn sie ihm sagt, was los ist. Da muss Hanna es das erste Mal aussprechen: »Ich bin schwanger«.
Beim Rausgehen aus der Praxis läuft sie zufällig in ihre große Schwester. Sie erzählt ihr von der Schwangerschaft und das erste Mal erfährt sie echte Unterstützung. »Sie hat mich in den Arm genommen und mir gesagt, dass wir alles hinbekommen.«
Zeit und gute Beratung
Von ihrer Schwester erfährt sie von der »VillaVie«, einer christlichen Organisation für Frauen in Schwangerschaftskonfliktsituationen in Bochum. Hanna fährt noch am selben Tag dorthin. »Ich konnte erst mal ankommen, alle Emotionen und Gedanken waren berechtigt. Tirza, die Leiterin dort, hat mir dann gesagt, dass ich mir Zeit lassen darf und die Entscheidung nicht heute oder morgen treffen muss. Und auch noch nicht in einer Woche.«
Dieses Gespräch war für Hannas Entscheidungsprozess wichtig. »Ich war so überfordert und hab einfach nur gedacht, ich will das nicht. Ich wollte es am Anfang auch niemandem erzählen. Aber dann bin ich ja direkt in meine Schwester reingelaufen.«
Am Abend fährt sie zu ihren Eltern, bei denen sie damals noch wohnt. Sie hat ein enges Verhältnis zu ihnen, trotzdem schämt sie sich. Ihre Eltern reagieren positiv, erklären, dass sie das gemeinsam machen und Hanna finanziell unterstützen können. Sie gehen davon aus, dass sie Großeltern werden, bis Hanna ihnen sagt, dass sie auch über eine Abtreibung nachdenkt. »Da mussten beide erst mal schlucken. Trotzdem wollten sie, dass ich die Entscheidung treffe. Sie würden beide Wege mit mir gehen. Das war eine riesige Hilfe, weil ich wusste: Egal, was ich mache, ich bin nicht allein.«
Die Entscheidung
Als sie ein paar Tage später mit ihrem Vater zu Hause auf der Terrasse sitzt, sagt er ihr einen Satz, der viel in ihr auslöst: »Hanna, wenn ich es dir jetzt nicht sage, bereue ich es vielleicht. Ich weiß, wir haben gesagt, dass wir uns nicht einmischen wollen und du sollst deine eigene Entscheidung treffen, aber ich wünsche mir, dass du dem Kind eine Chance gibst.« Hanna weiß, wenn sie das Kind bekommt, dann braucht sie ihre Familie.
Irgendwann ist Hanna klar: »Ich will Mama sein, natürlich hab ich es mir nicht so vorgestellt, aber ich bin eine Person, die das kann. Ich hab genug Liebe für mein Kind, ich hab vielleicht gerade kein Geld. Ich hab keine Wohnung, keine gute Beziehung, aber ich habe Liebe und eine liebende Familie. Ich könnte eine andere Entscheidung nicht rechtfertigen, vor mir selbst und vor Gott – egal, wie beängstigend diese Situation ist.«
Sie teilt die Entscheidung ihrem damaligen Freund mit. Der reagiert verständnislos. »Er hat mich angeschrien, ich zerstöre sein Leben.« In dem Moment dreht Hanna sich weg von ihm und legt das erste Mal die Hand auf ihren Bauch. »Es hat sich angefühlt, als hätte sich eine schützende Kugel um mich gebildet. Die Kirchenglocken fingen an zu läuten. Und ich habe gespürt, dass ich nicht allein bin, Gott ist bei mir. Ich hab in diesem ganzen Prozess zwar gebetet, aber ich habe mich nicht so richtig getraut, zu Gott zu gehen, und mich schlecht gefühlt. Ich war mit einem Nicht-Christen zusammen und hatte Sex vor der Ehe.« Dieser Moment gibt ihr Frieden – mit sich selbst, ihrer Situation und Gott.
Ihr Wunsch: Mehr Verständnis
Ein paar Tage später beendet Hanna die Beziehung. »Ich habe dem Erzeuger meines Kindes aber auch gesagt, dass wir es trotzdem zusammen machen können und eine gute Lösung finden.« Das will er nicht – bis heute. Hanna sieht ihn damals zum letzten Mal.
Die Schwangerschaft wird zum Familienprojekt. Hannas Sohn ist heute drei Jahre alt. Was bleibt, ist ihr Herzensanliegen, aufzuklären und die Themen ungewollte Schwangerschaft und Abtreibung auch in Gemeinden zum Thema zu machen. »Es ist wichtig, nicht in ein Schwarz-Weiß-Denken zu verfallen, sondern im Gespräch zu bleiben.« Sie wünscht sich mehr Präventionsarbeit. »Und wenn jemand ungewollt schwanger wird, ist es wichtig, dass es Möglichkeiten für Betroffene in der Gemeinde gibt, wo sie sich Leuten anvertrauen können. Von allen anderen wünsche ich mir, dass sie zuhören und nicht vorschnell urteilen. Ich habe mich ein bisschen gefühlt wie das schwarze Schaf. Ich hab dann aber entschieden: Ich schäme mich nicht dafür, ich stehe zu mir und meinem Kind.«
Text_Nele Holtz bewundert Hanna für den Mut, ihre Geschichte zu erzählen.







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