Viele Gemeinden stagnieren über Jahre, obwohl sie sich Wachstum wünschen. René Christen erklärt im Interview mit Livenet.ch, weshalb Wachstumsschwellen wie die Grenze von 100 Personen so herausfordernd sind und warum Gemeinden ihre Strukturen verändern müssen, um gesund weiterzuwachsen.
René Christen, was ist die neue Gemeindebau SCHULE?
René Christen: Die «Gemeindebau SCHULE» umfasst 22 aufeinander aufbauende Schulungsclips auf YouTube mit dem Titel „Wirksam Leiten“. Mein Buch „wirksam LEITEN – weniger LEIDEN“ vertieft sie. Alle Clips sind kostenlos verfügbar. Jede Person kann so im eigenen Tempo lernen. Auch ganze Gemeindeleitungen nutzen das Angebot: Vor jeder Sitzung schauen sie einen vereinbarten Clip und tauschen sich zu Beginn der Sitzung darüber aus. So wächst ihr Verständnis von gesundem Gemeindebau. Wie Gemeinden über ihre bisherige Größe hinauswachsen können, ist ein Schwerpunkt meiner gesamten Arbeit. Qualitatives Wachstum muss jedoch dem quantitativen vorausgehen. Ohne guten Inhalt kein breites Wachstum. Und es geht nie um Zahlen an sich, sondern um die Menschen dahinter – um das Reich Gottes, das wächst.
Du hast dich während zweier Jahre intensiv mit der Erstellung der 22 Schulungsclips zum Thema Gemeindebau beschäftigt. Was hat dich dazu motiviert, dieses umfangreiche Projekt in Angriff zu nehmen?
In meiner Coachingarbeit stelle ich immer wieder fest, wie wenig fundiertes Gemeindehandwerk bei vielen Mitarbeitenden einer Gemeinde vorhanden ist. Oft wird nach dem Motto gehandelt: „Irgendwie, irgendetwas, irgendwann tun.“ Theologische Schulen leisten viel. Teambildung, Menschenführung, Organisationslehre und Krisenmanagement werden vermittelt. Doch oft fehlt das Verständnis, wie Gemeinden gesund und zahlenmäßig wachsen. Eine umfassende Theologie des Gemeindewachstums ist bei uns selten. Ein Bild dazu: Wir beschäftigen uns mit Blättern und Knospen. Doch was ist mit Boden, Wurzeln und Stamm? Wie hängt alles zusammen, und wie wächst der ganze Baum? Genau dieses Gesamtbild möchte ich vermitteln.
Was sind die prägenden Inhalte der Schulungsclips?
Ich erkläre typische Wachstumsschwellen – etwa bei 70, 140 oder 220 Personen – und weshalb besonders die Grenze um 100 so schwierig zu überwinden ist. Das erläutere ich in Clip 8. Gemeinden müssen sich dabei verändern: von einer Beziehungsorganisation über eine Strukturorganisation bis hin zu einem vernetzten Ökosystem. Sonst stagnieren sie 10, 20 oder 30 Jahre an derselben Schwelle.
Entscheidend ist, ob eine Gemeinde wachsen will. Hier setzt meine Gemeindekampagne „Ja, unsere Gemeinde darf wachsen“ an, die ich in den Clips 9 und 9.1 vorstelle. Nicht nur geistliche Hindernisse blockieren Wachstum, sondern auch soziokulturelle Prägungen. Das erkläre ich in Clip 8.
Größere Gemeinden müssen nicht immer mehr tun, sondern das Grundlegende immer besser! Aber damit nimmt auch die Komplexität zu. Mit dieser Komplexität gilt es jedoch, sich zu versöhnen. Das gelingt, wenn wir ihr Innenleben besser verstehen und lernen, mit ihr umzugehen. In mehreren Clips und besonders in meinem Buch „wirksam LEITEN – weniger LEIDEN“ biete ich konkrete Hilfen und Werkzeuge des Komplexitätsmanagements.
Kannst du ein, zwei Tipps, die dir besonders wichtig sind, kurz hervorheben?
Erstens: Gemeinde von unten nach oben und von innen nach außen bauen! Wie bei einer Pyramide tragen die unteren Steine die oberen. Das erkläre ich in den Clips 4 bis 6.
Zweitens: Unbedingt größer denken – um Gottes willen! Jesus lehrte uns beten: „Dein Reich komme“, nicht: „Mein Reich bleibe!“ Wir dürfen ihm mehr zutrauen.
Drittens: Als Gemeinde ehrlich sagen: „Ja, unsere Gemeinde darf wachsen.“ Neue Menschen bringen Veränderungen. Nicht sie stören, sondern das Ungewohnte. Wir halten an Gewohnheiten fest. Doch wenn wir Veränderungen grundsätzlich ablehnen, weshalb sollte Gott uns weitere Menschen anvertrauen? Gott ist ein guter Vater, der seine Kinder nicht überfordert. Sein Anliegen muss über unseren Gewohnheiten stehen: dass Menschen zu Jesus Christus finden, Teil seiner Gemeinde werden und Gemeinden dadurch wachsen und damit verändern.
Viele christliche Gemeinden beschäftigen sich mit der Frage, wie sie wieder wachsen können. Warum fällt es zahlreichen Gemeinden heute schwer, Menschen für den christlichen Glauben und die Gemeinschaft der Kirche zu gewinnen?
Unsere Gesellschaft hat sich stark entchristlicht. Das frühere „Von-selbst-Prinzip“ funktioniert kaum noch: Menschen kommen nicht selbstverständlich in die Kirche. Gleichzeitig sehe ich in der Säkularisierung große Chancen. Im anspruchsvollen Alltag suchen viele weniger konfessionelle Etiketten als Orientierung und Zuversicht. Hier können sie Jesus Christus begegnen. Wir dürfen uns nicht nur mit uns selbst beschäftigen. Meine sechswöchige Kampagne «Ja, unsere Gemeinde darf wachsen» hilft mit Gottesdiensten, Kleingruppen und Bibelimpulsen, den Blick neu auf Gottes Auftrag zu richten: „Dein Reich komme, dein Wille geschehe!“ Die aufbrechende Bewegung „Kirche für andere“ überfordert uns, wenn wir Gemeinden nicht darauf vorbereiten. Sonst igeln sich Gemeinden womöglich noch mehr ein und fahren die Stacheln aus. Neue Menschen verändern eine Gemeinde. Eine große Gemeinde ist eben nicht einfach die größere Ausgabe einer kleinen.
Wenn eine Gemeinde seit Jahren stagniert oder kleiner wird: Wo sollte sie mit der Analyse beginnen, bevor sie neue Programme oder Projekte startet?
Am Anfang steht ein tiefgreifender innerer Prozess: zurück zum biblischen Auftrag, zu einer Jesus- und bibelnahen Mission! Evangelisation darf nicht nur ein gelegentliches Programm sein. Vielmehr werden wir zu einer permanent auch evangelistisch ausgerichteten Gemeinde, die Menschen weit außerhalb abholt und sie prozessorientiert auf ihrem Weg bis zu einer persönlichen Entscheidung für Jesus Christus begleitet. Das prägt unser ganzes Gemeindeleben. Ich empfehle ein Jahr Vorbereitung. Das beginnt bei Pastoren, Pastorinnen, Pfarrern, Pfarrerinnen und Leitungen und erfasst die Gemeinde. Wir müssen die Zusammenhänge des Wachstums verstehen, statt „irgendwie, irgendetwas, mit irgendwem“ zu tun. Schon an der Hundertergrenze beginnt der Wandel von einer Beziehungs- zu einer stärker strukturierten Organisation. Doch keine Struktur ersetzt die Schönheit, Tiefe und Kraft des Evangeliums! Diese Schönheit muss erste Priorität in Verkündigung, Angeboten und Gottesdiensten sein.
Du durftest zweimal Gemeinden in leitender oder mitverantwortlicher Funktion mitgestalten. Was waren rückblickend die entscheidenden Faktoren, die ein Wachstum ermöglicht haben?
Wir lernten, größer zu denken, zu glauben und Jesus mehr zuzutrauen. Entscheidend war die klare Rückkehr zum biblischen Auftrag. Wir begannen, Gemeinde nach dem Willen Gottes zu bauen – koste es, was es wolle! Das Gebet erhielt einen hohen Stellenwert. Wir blieben bibeltreu, nahe am Wort Gottes und zugleich nahe bei Menschen, die Jesus noch nicht kannten. Wir brauchten auch mehr fachliche Kompetenz. Gemeindebau war nicht nur eine geistliche Aufgabe, sondern verlangte auch fundiertes Wissen und durchdachtes Handeln. Geistliche Leidenschaft und Gemeindehandwerk lernten wir zu verbinden.




































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