Marco Hofmann: Mit welchen Erwartungen bist du nach Accra gereist – und welche davon wurden erfüllt oder sogar übertroffen?
Marco Hofmann: Als Präsident der Schweizerischen Pfingstmission vertrete ich den Verband innerhalb der weltweiten Pfingstbewegung. An dem alle drei Jahre stattfindenden Kongress der WAGF (World Assemblies of God Fellowship) nehme ich als Stimmberechtigter an der Generalversammlung teil und pflege die zahlreichen Beziehungen. Dieser historische Kongress – zum 1. Mal in der über 100 Jahre alten Geschichte der Assemblies of God fand dieser in Afrika statt – übertraf meine Erwartungen. Rund 10'000 Delegierte aus über 100 Ländern, die gemeinsam Jesus anbeten ist schon eindrücklich! Die Worship- und Gebetszeiten waren atemberaubend intensiv. Auch die außergewöhnliche Herzlichkeit und Wertschätzung, mit der wir willkommen geheißen wurden, haben mich tief berührt.
Ein besonderer Moment war für mich auch der Besuch des ghanaischen Staatspräsidenten John Dramani Mahama. Er ist selbst Mitglied einer Pfingstgemeinde in Accra. Das allein fand ich schon bemerkenswert. Aber noch mehr hat mich beeindruckt, mit welcher Natürlichkeit und Offenheit er über seinen persönlichen Glauben sprach. Seine humorvolle Erzählung über seine erste Predigt war herrlich erfrischend und hat mich wirklich berührt. Da stand nicht einfach ein Staatsoberhaupt, das einem christlichen Kongress seine Referenz erwies, sondern ein Mensch, der sich persönlich mit seinem Glauben an Jesus identifiziert.
Was hat dich an der Begegnung mit Christinnen und Christen aus so vielen verschiedenen Ländern besonders beeindruckt?
Die wunderbare Vielfalt und gleichzeitig die tiefe Verbundenheit. Wir kommen aus unterschiedlichsten Kulturen und leben unter völlig anderen gesellschaftlichen Bedingungen. Aber wir teilen denselben Glauben und denselben Auftrag. In den vielen Begegnungen, besonders mit Pastoren aus Ghana, hatte ich den Eindruck: Sie tun, was sie glauben! Das Rechnen mit dem Wirken des Heiligen Geistes ist so selbstverständlich, wie ihre Leidenschaft für Jesus und die Ausbreitung des Evangeliums. Eine Statistik hat mich besonders beeindruckt: Weltweit wird im Umfeld der Assemblies of God durchschnittlich alle 62 Minuten eine Gemeinde gegründet, und alle 54 Sekunden entscheidet sich ein Mensch für Jesus. Das sind gewaltige Zahlen, hinter denen unzählige veränderte Menschenleben stehen.
Was hast du in Accra über das Wirken Gottes in anderen Teilen der Welt gelernt, das dir bisher vielleicht weniger bewusst war?
Dass die Pfingstbewegung weltweit stark wächst, war mir bekannt. Aber es ist etwas anderes, Menschen zu begegnen die das in ihrem Land und in ihren Gemeinden erleben, oft auch unter widrigen Umständen in Krieg und Verfolgung.
Mir wurde erneut bewusst, wie sehr sich die Perspektive der Weltmission verändert hat. Über viele Jahrzehnte waren wir vor allem die Sendenden. Heute begegnet uns, aus vielen Ländern in Asien, Südamerika und Afrika, eine dynamische Kirche mit einem starken missionarischen Selbstverständnis, die längst selbst Verantwortung für die weltweite Mission übernimmt.
Gab es einen Moment, in dem du deine eigene Sicht auf Mission, Gemeinde oder Evangelisation hinterfragt hast?
Mich hat vor allem die Einfachheit herausgefordert, mit der unsere afrikanischen Geschwister glauben und beten, dass Jesus seine Gemeinde baut. Auch wir in der Schweiz bekennen das. Es ist eine theologisch und biblisch richtige und wichtige Aussage. Aber manchmal frage ich mich, ob wir das, was Gott tun möchte, nicht allzu sehr in unsere Formen, Konzepte, Programme und Termine verpacken.
Eine etwas provokative Frage: Können wir als Gemeinde noch einfach zum Gebet zusammenkommen, ohne dass jemand einen ausgeklügelten «Input» mit Visualisierung vorbereitet hat, ein Worshipteam geprobt hat, die Bühne ausgeleuchtet ist und anschließend ein Apéro oder eine Grillwurst bereitsteht? Können wir gemeinsam beten, ohne dass zuerst eine ausgefeilte Gebetsanliegenliste vorliegt und wir eine ausführliche Befindlichkeitsrunde durchgeführt haben? Versteht mich nicht falsch: Das alles darf und soll seinen Platz haben. Ich schätze gute Vorbereitung und Qualität sehr. Aber manchmal frage ich mich, ob wir vor lauter Performance und Konzepten nicht etwas von der Einfachheit des Glaubens, der unmittelbaren Abhängigkeit vom Heiligen Geist und dem Sprechen des Wortes Gottes verloren haben.
Wo siehst du die besonderen Stärken der Schweizer Kirchen – und was können wir von den Gemeinden in Ghana und anderen afrikanischen Ländern lernen?
Wir haben in unseren Schweizer Kirchen viele Stärken. Wir investieren in fundierte Ausbildung, gute Leitungsstrukturen, Verlässlichkeit und Qualität. Wir nehmen geistliche und gesellschaftliche Verantwortung wahr und wollen Menschen in ihren unterschiedlichen Lebenssituationen begleiten. Dafür bin ich sehr dankbar. Was wir tun, ist durchdacht, vorbereitet, fundiert und stabil. Eine große Stärke.
Von unseren afrikanischen Geschwistern können wir aber einiges lernen: ihr starkes Berufungs- und Sendungsbewusstsein, ihre Leidenschaft für Evangelisation, ihre Gebetskultur und vor allem die Erwartung, dass Gott durch seinen Heiligen Geist in- und durch uns wirkt. Ich wünsche mir für unsere Gemeinden in der Schweiz mehr von dieser geistlichen Entschlossenheit. Wir sind schließlich nicht einfach religiöse Dienstleistungsbetriebe. Wir sind im Auftrag des Herrn unterwegs! Ich glaube, dieses Bewusstsein dürfte bei uns durchaus sicht- und spürbarer werden.
Welche Herausforderungen der Schweizer Kirchenlandschaft sind dir durch den internationalen Austausch besonders bewusst geworden?
Ich empfinde die geistliche Grundhaltung in der Schweiz teilweise als eher passiv und verteidigend. Wir möchten möglichst nicht anecken, nicht unangenehm auffallen und niemandem zu nahe treten. Dabei besteht die Gefahr, dass wir an Überzeugung, Identität und missionarischer Kraft verlieren. Wofür stehen wir?
Natürlich müssen wir sensibel sein für unsere Kultur und unser gesellschaftliches Umfeld. Aber Sensibilität darf nicht zur Sprachlosigkeit werden. Wir haben die beste Botschaft, die es gibt! Dafür dürfen wir uns nicht schämen und uns nicht zurückhalten lassen. Spannend finde ich in diesem Zusammenhang die wachsende Zahl afrikanischer Gemeinden in Europa und auch in der Schweiz. Wo wir über Generationen Missionare in die Welt ausgesandt haben, kommen nun afrikanische Christen mit einem ausgeprägten Missionsbewusstsein zu uns.
Wie kann es gelingen, Menschen in der Schweiz neu für den christlichen Glauben zu interessieren und sie mit dem Evangelium zu erreichen?
Ich glaube, wir brauchen nicht in erster Linie neue Methoden, sondern eine neue Leidenschaft, glaubensvoll zu leben. Unsere Gesellschaft braucht Menschen und Kirchen, die authentisch und integer sind. Glaubwürdigkeit, aus einer tiefen inneren Überzeugung, ist entscheidend! Wir müssen als Christen wieder stärker aus dem Bewusstsein leben, dass wir von Jesus beauftragt und gesandt sind. Wenn wir wirklich glauben, dass das Evangelium die beste Nachricht für die Menschen ist, wird sich das auch in unserer Haltung und unserem Handeln zeigen.
Welche Impulse nimmst du für deine eigene Gemeinde oder deinen kirchlichen Dienst mit nach Hause?
Vor allem eine große Ermutigung, aber auch eine neue Dringlichkeit. Jesus baut seine Gemeinde! Und wir dürfen Teil davon sein. Das gilt nicht nur für Afrika, sondern genauso für die Schweiz. Besonders gefreut hat mich, dass Samuel Truttmann (siehe Titelbild), der im kommenden Jahr meine Nachfolge als SPM-Präsident antritt, mich nach Accra begleitet hat. Gemeinsam diesen Blick in die weltweite Gemeinde Jesu zu werfen, war auch im Hinblick auf unsere zukünftige Arbeit in der Schweiz sehr wertvoll. Als SPM sind wir Teil dieser weltweiten Bewegung. Weltmission gehört seit jeher zu pfingstlichen DNA. Gerade deshalb sind internationale Beziehungen und der Austausch von Erfahrungen, Wissen und geistlicher Inspiration so wichtig. Wir müssen immer wieder über den Rand unserer eigenen Suppenteller hinausschauen.
Was ich mit nach Hause nehme, lässt sich eigentlich in einem Satz zusammenfassen: Lebe deine Berufung leidenschaftlich! Erwarte, glaube und vertraue darauf, dass Jesus seine Gemeinde baut – auch mit dir!









































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