In gut einem Jahr werde auch ich pensioniert. Nach über 30 Jahren im pastoralen Dienst beschäftigt mich die Frage: Was kommt danach? Natürlich freue ich mich auf mehr Freiraum, auf Zeit mit meiner Frau und den Enkelkindern und auf vieles, wofür bisher die Zeit fehlte. Aber eines ist mir klar: Meine Berufung in der Nachfolge Jesu und meine Leidenschaft für Gottes Reich möchte ich nicht zusammen mit meinem Büroschlüssel abgeben!
Die Schweiz erlebt eine Pensionierungswelle. Die sogenannten Babyboomer, verabschieden sich aus dem Berufsleben. Viele sind fit, aktiv und gut ausgebildet. Sie bringen einen enormen Schatz an Lebenserfahrung, Kompetenzen, Beziehungen und oft auch finanziellen Möglichkeiten mit. Dazu kommen viele mit geistlicher Reife und Erfahrungen mit Gott.
Gut betreut – aber auch gefragt?
Wir sind in unseren Gemeinden kreativ und liebevoll, wenn es um Angebote für ältere Menschen geht. Seniorennachmittage, Ausflüge, Ferienwochen und Gemeinschaftstreffen haben ihren Platz. Betreuung und Fürsorge sind wichtige Elemente unserer Seniorenarbeit.
Doch manchmal frage ich mich, ob wir nicht etwas übersehen: Wir haben gelernt, Angebote für ältere Menschen zu organisieren. Aber haben wir auch gelernt, Gemeinde mit ihnen zu gestalten?
Wer mit 65 pensioniert wird, ist nicht automatisch betreuungsbedürftig. Und mit dem Ende des Berufslebens endet weder die Nachfolge Jesu noch Gottes Berufung. Vielleicht sollten wir weniger darüber nachdenken, was wir Pensionierten anbieten, und vielmehr darüber, was Gott durch sie noch bewirken möchte.
Die Jungen sind unsere Zukunft – aber nicht allein!
Die Jungen gestalten unsere Gemeinden, ihnen gehört die Bühne! Gut, dass wir ein rückwärtsgewandtes Gemeindeverständnis hinter uns gelassen haben. Wir investieren in junge Menschen, übertragen ihnen Verantwortung, die Gemeinde und das Reich Gottes zu prägen. Aber eine junge Generation ohne die Erfahrung, die Ermutigung und das Vorbild der Älteren verliert einen wertvollen Schatz.
Glaube wird vorgelebt. Junge Menschen brauchen Christen, die erzählen können, wie Gott sie geführt und auch durch Krisen getragen hat. Ermutiger, die nicht auf alles eine Antwort haben, aber gelernt haben, auf Gott zu vertrauen und hoffnungsvoll zu leben. Und wir Älteren brauchen umgekehrt Mut, die Begeisterung und die neuen Perspektiven der Jungen.
Bitte keine Pflichtprogramme!
Es wäre allerdings ein fataler Fehler, Pensionierte als zusätzliche Personalreserve für unsere Gemeindearbeit zu sehen, um mit ihnen die Lücken im Mitarbeiterplan zu füllen! Wer jahrzehntelang Verantwortung getragen hat, darf seinen Ruhestand genießen. Reisen, Enkelkinder hüten, neue Interessen entdecken oder auch einmal schlicht nichts tun. Ohne schlechtes Gewissen!
Als Kirchen sind wir darum herausgefordert, Pensionierte nicht einfach weiter zu beschäftigen, sondern Räume zu schaffen, in denen ihre Berufung und geistliche Kraft neu zur Entfaltung kommen können – in der Gemeinde und mitten im Alltag. Auch ältere Menschen brauchen Zurüstung und geistliches Wachstum.
Dazu braucht es andere Fragen: Was brennt noch in deinem Herzen? Was hat Gott in dich hineingelegt? Wofür schlägt dein Herz? Wo möchtest du noch Frucht bringen?
Vielleicht entstehen daraus Beziehungen, in denen erfahrene Christen jüngere Menschen begleiten. Vielleicht engagieren sich Pensionierte in ihrem Quartier, unterstützen Familien, fördern junge Leitende, reparieren Haushaltsgeräte oder starten gemeinsam neue missionarische und soziale Initiativen. Nicht alles muss im Gemeindeorganigramm erscheinen. Das Reich Gottes ist größer als unsere Gemeindeprogramme!
Auch im Alter noch fruchtbar
Mich begeistert das Bild aus Psalm 92: Menschen, die auch im Alter noch Frucht tragen, frisch und lebendig bleiben. Da steht nicht, dass sie möglichst lange beschäftigt werden sollen. Sondern dass ihr Leben fruchtbar bleibt!
Genau darum geht es mir. Nicht um zusätzliche Leistung, sondern um gelebte Berufung. Nicht um das Festhalten an vergangenen Gemeindeformen, sondern um geistliche Kraft, die mitten im Alltag wirksam wird.
Ich wünsche mir Kirchen, die diese Chance erkennen. Gemeinschaften, in denen die Älteren den Jungen nicht im Weg stehen, sondern ihnen den Rücken stärken. Und in denen die Jungen den Älteren nicht bloß einen Platz im Seniorenprogramm zuweisen, sondern ihre Erfahrung und geistliche Reife schätzen und von ihnen profitieren.
Dafür müssen wir als Kirchen umdenken. Weniger verwalten, mehr ermöglichen. Weniger Menschen in bestehende Programme einpassen, mehr ihre Berufung entdecken und fördern.
Die Pensionierungswelle wird unsere Gemeinden verändern. Entweder lassen wir zu, dass sie wertvolles geistliches Potenzial aus unseren Gemeinden hinausschwemmt, oder wir nutzen ihre Kraft, damit die nächste Generation auf dieser Welle reiten kann.
Vielleicht liegt einer der wichtigsten Schlüssel für die Zukunft unserer jungen Generation und unserer Gemeinden gerade in den Händen jener, die jetzt in Pension gehen. Verpassen wir diese Chance nicht!









































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