Am Samstagnachmittag wurde es in der Berner Altstadt für rund eine Stunde ungewöhnlich still. Die Teilnehmenden des Walk for Freedom gingen in schwarzer Kleidung und schweigend durch die Straßen. Mit ihrem Protest machten sie auf Menschen aufmerksam, die ausgebeutet werden und deren Stimmen häufig ungehört bleiben. Zum zehnten Mal fand der Walk in Bern statt – ein Jubiläum, das Anlass zum Rückblick gibt, aber auch daran erinnert, wie viel weiterhin zu tun ist.
„Vor zehn Jahren sind wir zum ersten Mal in Bern auf die Straße gegangen, um auf Menschenhandel aufmerksam zu machen. Dass wir heute zum zehnten Mal hier stehen, zeigt, dass unser Anliegen nicht an Dringlichkeit verloren hat. Hinter dem Begriff Menschenhandel stehen Menschen, deren Würde und Freiheit verletzt werden – und die nicht vergessen gehen dürfen“, sagt Rahel Streuli vom Organisationskomitee des Walk for Freedom Bern.
Menschenhandel ist keine ferne Realität
Menschenhandel geschieht oft im Verborgenen – auch in der Schweiz. Betroffene werden unter falschen Versprechungen angeworben, unter Druck gesetzt oder in Abhängigkeitsverhältnisse gebracht, aus denen sie sich kaum befreien können. Menschenhandel tritt unter anderem in der Sexarbeit und in verschiedenen Bereichen der Arbeitswelt auf. Die Ausbeutung bleibt häufig lange unentdeckt, weil Betroffene aus Angst, Scham oder Abhängigkeit nicht über ihre Situation sprechen können.
Wie wenig offensichtlich Menschenhandel sein kann, zeigt auch die Erfahrung von Fachpersonen und Ermittlungsbehörden. Betroffene entsprechen nicht zwingend den verbreiteten Vorstellungen von Menschen in Not. Nach außen ist ihre Situation oft kaum erkennbar – selbst für Menschen, die ihnen regelmäßig begegnen.
Die schwarze Kleidung der Teilnehmenden symbolisiert das Leid der Betroffenen und die hohe Dunkelziffer. Die Stille erinnert daran, dass Menschen, die ausgebeutet werden, häufig nicht selbst auf ihre Situation aufmerksam machen können. Der Marsch gibt ihnen symbolisch Raum und macht deutlich: Wegsehen darf keine Option sein.
Alexander Ott: Menschenhandel erkennen und Betroffene schützen
Am Jubiläums-Walk sprach Alexander Ott, der sich während mehr als 36 Jahren bei der Stadt Bern mit Migration und Menschenhandel beschäftigte. Als langjähriger Chef der Fremdenpolizei und Co-Leiter des Polizeiinspektorats prägte er die Arbeit der Stadt Bern in diesem Bereich. Ende 2025 trat er in den Ruhestand. Seine Erfahrung im Kampf gegen Menschenhandel bleibt jedoch gefragt.
Ott kennt die Schwierigkeiten, Menschenhandel aufzudecken. Betroffene befinden sich oft in einem Geflecht aus Täuschung, Schulden und Abhängigkeiten. Sie kennen ihre Rechte oder die Sprache nicht und haben häufig wenig Vertrauen in die Behörden. „Ihnen steht nicht das Wort ‹Opfer› auf der Stirn“, betonte Ott. Dennoch gebe es Hinweise, die auf Ausbeutung hindeuten können.
Um Menschenhandel wirksamer zu bekämpfen, brauche es engere Zusammenarbeit bei Kontrollen, eine stärkere finanzielle Ermittlung und konsequenten Opferschutz. Auch Unternehmen, der Staat und Konsumentinnen und Konsumenten seien gefordert, Produktionsbedingungen kritisch zu hinterfragen und Transparenz einzufordern. Denn hinter auffällig günstigen Produkten könnten problematische Arbeitsbedingungen stehen. „Wir haben es in der Hand, gemeinsam in eine Richtung zu gehen, in der billig nicht bedeutet, dass ein anderer Mensch teuer bezahlt“, sagte Ott.
Fachstellen leisten wichtige Aufklärungsarbeit
Neben Alexander Ott sprach Corinne Minchella, CEO von ACT212, der nationalen Fach- und Meldestelle gegen Menschenhandel und sexuelle Ausbeutung. An Informationsständen gaben ACT212, die Fachstelle Zwangsheirat, Heartwings, die Kantonspolizei Bern, die Ostmission sowie Rahab Heilsarmee Bern Einblick in ihre Arbeit.
Die Organisationen unterstützen Betroffene, sensibilisieren die Öffentlichkeit und setzen sich auf unterschiedliche Weise für die Prävention und Bekämpfung von Ausbeutung ein. Der Austausch am Walk bot Gelegenheit, Fragen zu stellen, Informationen einzuholen und mehr darüber zu erfahren, woran Menschenhandel erkannt werden kann und wo Betroffene Unterstützung finden.
„Menschenhandel ist ein Schwerverbrechen, das oft im Verborgenen bleibt. Die Betroffenen empfinden häufig Scham und brauchen Schutz. Bei ACT212 stehen ihr Wohl und ihre Sicherheit an erster Stelle. Die Fachstelle berät Betroffene, zeigt Handlungsmöglichkeiten auf und überlässt ihnen die Entscheidung über das weitere Vorgehen. Gleichzeitig braucht es eine wirksame Bekämpfung der Täter sowie ausreichende finanzielle Mittel und Ressourcen. Jede und jeder von uns kann dazu beitragen, indem wir aufmerksam sind und auch einem unguten Bauchgefühl eine Meldung machen. Gemeinsam können wir dafür sorgen, dass Hoffnung für Betroffene nicht ein unerreichbarer Horizont bleibt“, sagt Corinne Minchella, CEO von ACT212.
Zehn Jahre Walk for Freedom in Bern
Der erste Walk for Freedom fand 2016 in Bern statt. Seither setzt der Anlass ein Zeichen gegen Menschenhandel und moderne Sklaverei. Auch während der Corona-Pandemie blieb das Anliegen präsent: 2020 wurde statt des Marsches eine Sensibilisierungsaktion durchgeführt. Der diesjährige Anlass markiert somit den zehnten Walk in Bern und steht für zehn Jahre kontinuierliches Engagement gegen Menschenhandel.
Die internationale Gründungsorganisation A21 zog sich 2025 im Rahmen einer Neuausrichtung aus dem Format zurück. Das Berner Organisationskomitee entschied daraufhin, den Anlass eigenständig weiterzuführen. Organisiert wird der Walk vom unabhängigen Verein NOVOICE.
„Menschenhandel geht uns alle etwas an. Wir möchten Menschen ermutigen, im Alltag aufmerksam zu sein und mögliche Anzeichen von Ausbeutung ernst zu nehmen. Gleichzeitig lohnt es sich, das eigene Konsumverhalten zu hinterfragen: Unter welchen Bedingungen werden Produkte hergestellt und Dienstleistungen erbracht, die wir in Anspruch nehmen? Mit dem Walk for Freedom möchten wir für diese Zusammenhänge sensibilisieren und zeigen, dass jede und jeder einen Beitrag leisten kann, damit Menschen nicht ausgebeutet werden und unter fairen Bedingungen leben und arbeiten können“, sagt Reto Stalder vom Organisationskomitee des Walk for Freedom Bern.
Der Walk for Freedom Bern ist politisch unabhängig, religiös neutral und offen für unterschiedliche Perspektiven und Lösungsansätze. Was die Beteiligten verbindet, ist ein gemeinsames Ziel: Menschenhandel und moderne Sklaverei abzuschaffen.








































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