„Zur ganzheitlichen Sicht des Menschen gehört die religiöse Dimension. Dahinter steht die Frage nach dem Sinn und den Werten des Lebens.“ Das schreibt die Universität St. Gallen auf ihrer Website. Die zwei Sätze sind für Thomas Reschke mehr als ein Motto. Seit 2001 begleitet er Studenten, Dozenten und Mitarbeiter der Universität in Lebens- und Glaubensfragen. Er kennt Hunderte persönlich und wird pro Jahr für 20 bis 30 Hochzeiten angefragt. „Die späteren Taufen von Kindern kommen dazu, das ist jeweils die größte Freude“, sagt Thomas Reschke.
Im Akademikerhaus entstand über die Jahre ein Ort der Begegnung: für Gespräche, Vorträge, persönliche Begleitung und gemeinsame Essen. Akademikerhaus heißt das Jugendstilhaus in der Nähe des HSG-Campus, das Thomas Reschke bewohnt. Im Roten Salon empfängt er die Studierenden. Im unteren Stock finden religiöse und kulturelle Anlässe für sie statt. In den Etagen weiter oben lebt Thomas Reschke mit seiner Frau Petra. Früher auch mit seinen vier Kindern, die unterdessen ausgezogen sind. „Zusammen mit seiner Frau schuf der Diakon dort eine Atmosphäre, die weit über klassische Seelsorge hinausgeht“, schreibt das Online-Magazin „St. Gallen24“. „Wenn ich den Studierenden etwas mitgeben wollte, dann nicht fertige Antworten, sondern die Erlaubnis, die großen Fragen ihres Lebens wirklich zu stellen. Gerade an einer Universität sollte Religion nicht das Denken beenden, sondern es erweitern“, so der Diakon.
Begegnungen auf verschiedenen Ebenen
Beziehungskrise, Durchhänger oder Prüfungsangst: Rund 10’000 Studierende aus über 100 Nationen bewegen sich auf dem Campus der HSG. Viele von ihnen finden bei Thomas Reschke ein offenes Ohr – unabhängig von Herkunft oder Konfession: „Menschen suchen nach Sinn, oft äußern sie das versteckt. Besonders junge Menschen leiden heute unter Einsamkeit und enormem Leistungsdruck“, beobachtet der Seelsorger. Einige der Rat suchenden Studierenden waren verzweifelt oder traurig, wütend oder ratlos. Auch die Ablösung von den Eltern und Beziehungen beschäftigen. Die niederschwellige Seelsorge ist daher wichtiger denn je, sagt Thomas Reschke: „Manchmal hilft schon das Gefühl: Da sitzt jemand gegenüber, dem ist nicht egal, wie es mir geht.“
Der Diakon redete ihnen gut zu bei Beziehungskrisen, motivierte sie bei Durchhängern, empfahl ihnen Atemübungen oder Gebete gegen die Prüfungsangst. „Je nach Frommheit“, schreibt das St. Galler Tagblatt. Ehemalige haben sich auf Instagram bei ihm bedankt. „Das Akademikerhaus war für viele von uns ein Ort des Ankommens, Wachsens und Erwachsenwerdens. Danke für die Begleitung“, ist da zum Beispiel zu lesen. Daneben gestaltet Thomas Reschke Gottesdienste und Anlässe wie Waldweihnachten oder Wanderungen. Außerdem hält er, der Theologie, Germanistik, Philosophie und Pädagogik in Münster studiert hat, jedes Semester ein bis zwei öffentliche Vorlesungen zu theologischen und religiösen Themen. Seine letzte öffentliche Vorlesung im Herbst 2026 trägt den Titel „Was zählt im Leben“. Parallel dazu ist Reschke auf Instagram und WhatsApp präsent – „man muss die Studierenden erreichen können“, sagt er dazu.
Wenn der Lack abblättert
Die HSG ist eine der weltweit führenden Wirtschaftsuniversitäten. Lässt sich das vereinen mit christlichen Werten? Thomas Reschke zitiert den britischen Ökonomen Brian Griffiths, der schon im Akademikerhaus referiert hat. „Wer glaubt, sieht seine Arbeit nicht als Leistung, sondern als Berufung. Er führt menschlicher. Das ist gefragt bei der heutigen Generation.“
Als Thomas Reschke 2001 an der HSG begann, studierten 4700 Menschen. Heute sind es über 10’500. Die Welt der Studierenden hat sich verändert. „Früher kämpften viele gegen äußere Autoritäten. Heute kämpfen sie gegen innere Antreiber. Sie sollten erfolgreich, flexibel, kreativ, gesund, international mobil und emotional stabil sein – und bitte mit einem überzeugenden LinkedIn-Profil“, sagt Thomas Reschke. Nach außen glänze vieles. Bei ihm am Tisch blättert der Lack ab. Hier zeigen sich Müdigkeit, Einsamkeit und Selbstzweifel. „Bei all dem Wandel bleiben die alten Fragen: Wer bin ich? Was trägt mich, wenn Erfolg allein nicht genügt?“
Als Seelsorger war Thomas Reschke auch in Randzeiten für die HSG-Angehörigen da, schreibt die HSG. Etwa damals, als eine Studentin morgens um 3 Uhr bei ihm klingelte und Trost suchte, weil ihre Katze gestorben war. Oder über Weihnachten, als er eine Gruppe Studierender intensiv betreute, die den Suizidversuch eines Freundes miterlebt hatten. „Wichtig war mir immer, dass bei mir alle willkommen sind – unabhängig von ihren Hintergründen, ihrem Glauben und ihrer Leistung“, sagt Thomas Reschke.
Nun geht Thomas Reschke Ende Jahr in Pension: „Mit Dankbarkeit blicke ich auf die Zeit zurück: auf intensive Begegnungen, inspirierende Gespräche und das geteilte Unterwegssein im Glauben und im Leben. All das bleibt für mich ein kostbarer Schatz.“
Dieser Artikel erschien zuerst bei Dienstagsmail.







































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