Medizin: Warum nicht immer alles möglich ist

Arzt mit Patient
Unsplash, Vitaly Gariev / Forum Integriertes Christsein

Sobald es um unsere eigene Gesundheit geht, versuchen wir das Beste für uns herauszuholen. Dieser Beitrag eines Onkologen zeigt, warum es nicht mehr immer möglich ist, die beste Therapie zu erhalten und weshalb es dennoch sinnvoll ist, sich mit den eigenen Wünschen und Bedürfnissen im Falle einer schweren Krankheit auseinanderzusetzen.

Am 26. August 2026 erfolgte die Zulassung für das neue Krebsmedikament Daraxonrasib gegen Bauchspeicheldrüsenkrebs durch die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA. In den Ende Mai 2026 präsentierten Studienresultaten konnte beim metastasierten Bauchspeicheldrüsenkrebs eine Verdoppelung der Lebenszeit gegenüber der aktuellen Standardtherapie mittels Chemotherapie beschrieben werden.

Während eines der beiden größten jährlichen Krebskongressen, dem amerikanischen ASCO, war diese Neuigkeit im Juni 2026 eines der wichtigsten, wenn nicht das Top-Highlight. Im Durchschnitt verlängert Daraxonrasib die verbleibende Lebenszeit nach einer ersten Chemotherapie beim nicht heilbaren Stadium eines Bauchspeicheldrüsenkrebses um etwas über ein halbes Jahr. Außerdem ist es deutlich besser verträglich als die bisherigen Chemotherapien, was bei diesen Patienten zusätzlich zu einer deutlich verbesserten Lebensqualität beitragen kann. Dieses Medikament reiht sich ein in viele neu entwickelte und teilweise sehr wirksame Therapien, welche während den letzten Jahren zu einer äußerst erfreulichen Verbesserung des Überlebens bei Krebserkrankungen beigetragen haben.

Was in den USA passt, geht nicht in der Schweiz

Nachdem das Medikament alle kostspieligen Stadien der Grundlagen- und klinischen Forschung durchlaufen hat, kommt es nun ab sofort in den USA patentgeschützt zur Anwendung. Vor 10 Jahren belief sich die Schätzung der Kosten eines neuen wirksamen Medikamentes auf 2,6 Milliarden USD.  

In der Vergangenheit war es für einen Arzt mit sehr viel Aufwand möglich, ein ganz neues Medikament für motivierte Patienten in der Schweiz zu beschaffen und sie mit der wissenschaftlich aktuell besten Therapie zu behandeln. Bei Daraxonrasib scheint dies das erste Mal nicht mehr möglich zu sein. Die „America-First-Politik“ von Präsident Donald Trump sieht vor, dass ein neues Medikament in keinem Land kaufkraftbereinigt billiger sein darf als in den USA. Weil die USA der wichtigste Markt für die Pharmafirmen darstellen, haben alle größeren westlich orientierten Pharmafirmen diese ganz neue Auflage unterschrieben.

In der Schweiz werden Medikamente nur dann kassenpflichtig und dementsprechend durch die Krankenkasse bezahlt, wenn eine klinisch relevante Wirkung bei besserer Verträglichkeit nachgewiesen werden kann und die Kosten in einem angemessenen Verhältnis zur Wirkung und Kaufkraft stehen. So konnten bisher die Gesundheitskosten im Verhältnis zu den bestmöglichen medizinischen Leistungen im Vergleich zu anderen westlichen Ländern im Durchschnitt gehalten werden, gerade hinsichtlich auf das Bruttoinlandprodukt. Obwohl von allen Todesfällen bei unter 65-Jährigen statistisch fast jeder zweite Todesfall auf ein Krebsleiden zurückzuführen ist, betreffen aber nur knapp 7% der ambulanten Gesundheitskosten Krebsbehandlungen. Die bisher zugelassenen Krebs-Therapien, welche unter einem Patent stehen, sind in den USA oftmals um den Faktor 3 teurer.

Der Preis für das neue Bauchspeicheldrüsenkrebs-Medikament Daraxonrasib wird in den USA pro Monat etwa 40'000 US-Dollar betragen. Für das Bundesamt für Gesundheit werden über CHF 30'000 monatlich für ein Medikament, das zum aktuellen Zeitpunkt nicht zu einer Heilung führen wird und durchschnittlich eine Verlängerung der Lebenszeit von einigen Monaten bewirken kann, nicht zu stemmen sein und deshalb in dieser Form nicht aufgenommen oder vergütet werden. Aktuell wird die „Amerika-First-Politik“ damit auf die Spitze getrieben, dass Daraxonrasib heute nur an amerikanische Staatsbürger verkauft wird. Es könnte daher auch von Schweizer Personen mit Bauchspeicheldrüsenkrebs trotz sehr guter finanzieller Verhältnisse nicht einfach so gekauft werden.

Wie teuer darf ein zusätzliches Lebensjahr sein?

Für mich als Onkologe ist es enorm frustrierend, wenn eine Möglichkeit bestehen würde, die ich meinen Patienten aus politischen oder finanziellen Gründen nicht anbieten kann. Das bisherige Selbstverständnis, dass in der Schweiz alles verfügbar ist, was möglich ist, wird dadurch erstmalig infrage gestellt.

Seit längerem gibt es die Diskussion um die Kosten eines zusätzlichen Lebensjahres unter dem Stichwort QALY: Wie viel dürfen die Behandlungen für ein zusätzliches Lebensjahr kosten in unserem Land, in dem die Kosten zu einem großen Teil solidarisch durch Steuern und Krankenkassenprämien getragen werden? Errechnet man ein QALY unter Daraxonrasib, kommt man auf Kosten von knapp einer halben Million Franken. Dies liegt über dem bisherigen Richtwert für ein zusätzliches Lebensjahr, wobei keine gesetzliche Verankerung für diese Kosten besteht. Gerade weil Bauchspeicheldrüsenkrebs häufig jüngere und sehr gesundheitsbewusste Menschen betrifft und die bisherigen Möglichkeiten eingeschränkt sind, wäre das neue Medikament ein wirklich großer Fortschritt in der Behandlung.

Warum eine Patientenverfügung Sinn macht

Viele Menschen mit einer neu diagnostizierten Krebserkrankung erstellen eine Patientenverfügung, in der sie festhalten, was ihre Wünsche betreffend möglicher Szenarien bei einer lebensgefährlichen Behandlung sind. Dabei wird unterschieden zwischen Maßnahmen in der Notfallsituation, beispielsweise ob eine mechanische Reanimation gewünscht wäre, zwischen mittelfristiger Urteilsunfähigkeit, beispielsweise welche Maßnahmen bei einem länger dauernden aber möglicherweise reversiblen Koma gewünscht wären und drittens zwischen langfristiger Urteilsunfähigkeit ohne Hoffnung auf Besserung. Da es bei einer Patientenverfügung prinzipiell nicht um Geld geht, kann diese nach eigenem Ermessen erstellt werden und ist mit Unterschrift und Datum bis zum Widerruf gültig. Entgegen einem Testament, das zeigt, was mit dem Vermögen nach dem Todesfall geschieht, oder einem Vorsorgeauftrag, der klärt, wer welche Befugnisse hat, das Vermögen im Falle einer Urteilsunfähigkeit zu verwalten, hat eine Patientenverfügung bei Unterschrift und Datum Gültigkeit, unabhängig davon, ob diese handschriftlich, mittels Computer-Schrift oder mittels Ankreuzen einer vorgefertigten Vorlage erstellt worden ist.

Eine Patientenverfügung wird erst dann relevant, wenn eine Urteilsunfähigkeit beim Patienten besteht. Eine Urteilsunfähigkeit ist immer situativ und bedingt, dass Entscheidungen betreffend des weiteren Vorgehens hinsichtlich der medizinischen Situation nicht mehr selbst getroffen und kommuniziert werden können. So steht beispielsweise die Frage im Raum, ob im Rahmen einer fortgeschrittenen Krebserkrankung in einer akuten medizinischen Krise eine intensivmedizinische Therapie gewünscht würde. Ebenfalls sollte in der Patientenverfügung vermerkt werden, wer nach dem Versterben Akteneinsicht haben dürfte, weil gemäß Bundesgerichtsurteil von 2025 ohne vorherige klare Festlegung und ohne klare Kommunikation des Patienten mit Urteilsfähigkeit, den Angehörigen in der Regel keine Akteneinsicht gewährt wird.

Eine Patientenverfügung bei bester Gesundheit zu erstellen, ist auch deshalb sinnvoll, weil man sich so mit der Endlichkeit des Lebens beschäftigt und den Fokus auf das Leben selber ausrichten kann. In den Psalmen der Bibel betete Moses schon vor über 3300 Jahren zu Gott: «Lehre uns, unsere Tage richtig zu zählen, damit wir ein weises Herz erlangen.» Und in der Bergpredigt sagt Jesus selber: „Wer aber von euch kann durch sein Sorgen zu seiner Lebenslänge eine einzige Elle hinzusetzen?“ Biblisch gesehen ist es sinnvoll, sich immer wieder, auch schon als junger gesunder Mensch, mit der Begrenzung der Lebenszeit auseinanderzusetzen, sich keine Sorgen zu machen und dabei die Ausrichtung unserer Gesinnung auf das Wesentliche zu setzen.

Eine Verlängerung der mittleren Lebenszeit kann immer besser auch dank neuer Therapien erreicht werden. Wenn nun aber aktuellste, wirksame und gut verträgliche Therapien, wie aktuell bei Daraxonrasib, nicht erhältlich oder finanzierbar sind, hilft nicht zumindest das Wissen, dass Gott unsere Lebenszeit vollständig im Griff hat?

Dieser Beitrag stammt vom Forum Integriertes Christsein. Dr. med. Andreas Hochstrasser ist Facharzt für Medizinische Onkologie und arbeitet als Leitender Arzt im Spital Thun. Neben der Arbeit als Onkologe führt er als genetischer Berater SAKK eine Sprechstunde für genetische Beratung. Er ist verheiratet und Vater von schulpflichtigen Kindern.

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