„Gott braucht dringend neue Leute“, schrieb kürzlich ein Rektor einer theologischen Ausbildungsstätte. Die Zahl der Theologiestudierenden ist laut IDEA Schweiz rückläufig. Das Communicatio, das theologische Magazin des Theologischen Seminars St. Chrischona, hat dem Thema Berufung in den vollzeitlichen Dienst ein ganzes Heft gewidmet. Doch was mache ich als Pastorin oder als Pastor mit jungen Menschen, die mehr oder weniger Lust haben, sich vollzeitlich für Gottes Reich ausbilden zu lassen? Was hilft ihnen, langfristig im Dienst zu bleiben?
Wenn die erste Begeisterung nachlässt
Mir gegenüber sitzt ein Pastor. Wir nennen ihn in dieser Geschichte Alex. Gemeinsam mit einem starken Team ehrenamtlicher Leiterinnen und Leitern steht er einer großen Freikirche vor. Aktuell hat er zwei junge Leiterinnen und Leiter, die neu als BEST (Berufseinsteigerin oder -einsteiger) in die Gemeindearbeit eingestiegen sind. Die eine hat ihre theologische Ausbildung bereits abgeschlossen. Sie freut sich vor allem darauf, Menschen zu begleiten. Der andere beginnt als Praktikant und absolviert parallel dazu eine theologische Ausbildung. Er kommt aus dem eigenen Gemeindenachwuchs.
Wöchentlich trifft sich Alex für zwei Stunden mit den BEST, um ihre Arbeitssituationen und ihr persönliches Ergehen zu besprechen. Alex erzählt mir freudenstrahlend, dass er nun sogar zwei zusätzliche Arbeitskräfte in der Gemeinde hat und vielleicht auch ein bisschen Entlastung in seinen Arbeitsfeldern spüren wird. Beim nächsten Gespräch ist seine anfängliche Begeisterung für die beiden BEST etwas verflogen. Er fragt sich, was er noch machen muss, um ihnen im übertragenen Sinn zum Fliegen zu verhelfen. Ein BEST traut sich das Predigen nicht zu, der andere verpasst ab und zu Termine.
Berufung braucht tragfähige Beziehungen
Gerne möchte ich reflektieren, was wir im Coaching mit Alex durchgegangen sind. Dabei wird deutlich, dass die beiden BEST einen besonderen Ausbildungsweg eingeschlagen haben. So schreibt Martin Werth, Direktor einer theologischen Ausbildungsstätte, dass das Theologiestudium früher gesellschaftlich stärker anerkannt gewesen sei und heute müsse sich ein Theologiestudent vor seinen Freunden fast entschuldigen. Werth: „Wer heute Theologie studiert, tut es noch stärker als früher um Christi willen.“
Alex nimmt die Aufgabe mit, seinen jungen BEST immer wieder die Schönheit ihrer Berufung darzustellen. Er ist froh, dass die BEST zu zweit starten. Denn so ist es möglich, dass sie sich als Peergruppe Unterstützung geben können. Führung lebt von Beziehung. Tragfähige Beziehungen können dazu beitragen, dass BEST langfristig im Dienst bleiben. Deshalb geht er neu alle zwei Monate mit den BEST einen Tag wandern. So stärkt er nicht nur ihre Beziehung untereinander, sondern auch ihr Bewusstsein für die eigene Berufung. Er hält sie jedoch auch dazu an, sich nicht als Mittler zwischen Gott und den Menschen zu sehen. Diese Rolle kommt allein Jesus Christus zu (Vgl., Gantenbein, Jean-Georges: Zwischen den Fronten, in: Communicatio 2, 2026, S. 23.)
Führen heißt nicht, alles vorzumachen
Jean-Georges Gantenbein beschreibt im Communicatio eine weitere Herausforderung folgendermassen: „Individualisierung und Professionalisierung können paradoxerweise zur Überforderung von Menschen führen, die einen hauptamtlichen Dienst erwägen.“
Warum ist der Dienst als BEST in einer Freikirche so herausfordernd? In einer Gemeinde wird großes Gewicht auf Vorbildsein und Authentizität gelegt. Das ist auch der Anspruch von Alex für seine BEST. Er möchte ihnen Christusliebe und ein freudiges Dienstverständnis vorleben. Doch diese starke Betonung des Vorbildseins kann das Gegenteil auslösen. Sie folgen seinen Fußstapfen, verlieren dabei jedoch nach und nach das selbstverantwortliche Handeln. Der Managementlehrer Reinhard K. Sprenger prangert daher das Führen als Elternschaft an und bemängelt, dass dies zu Passivität führt (Vgl. Sprenger, Reinhard K.: Das Prinzip Selbstverantwortung – Wege zur Motivation, Berlin 2026, S. 139-157.). Im Coaching erkennt Alex, dass er den BEST ein Umfeld bieten darf, in dem sie gerne Fehler machen und selbstverantwortlich handeln können, ohne dass ihre Anstellung gefährdet ist. Die BEST haben in ihrer Ausbildung gelernt Misserfolge zu vermeiden. Doch dabei sind sie auch nie über sich hinausgewachsen. Einer der BEST traut sich das Predigen nicht zu. Der andere muss lernen, seine Termine zuverlässig einzuhalten. Beide dürfen im BEST-Jahr erfahren, dass sie nicht von Anfang an alles können müssen.
Ein Zuhause, auch wenn etwas schiefgeht
René Winkler schreibt darum treffend: „Knechte denken und reagieren in Leistungskategorien, Kinder leben in Beziehung. Wenn Knechte ihre Aufgabe nicht erfüllen, werden sie entlassen. Kinder verlieren ihr Zuhause auch im Scheitern nicht. Knechte fürchten Schwäche und Krankheit, weil sie ihren Marktwert mindern. Auch Kinder hassen Überforderung, aber die Überforderung schmälert und gefährdet ihre Bedeutung und ihr Zuhause nicht. Auch wenn alles in Trümmern liegt – auf dem Boden ihrer Berufung können sie wieder aufstehen.“ (Winkler, René: Berufung gibt Halt, in: Communicatio 2, 2026, S. 15.)
Alex begleitet die beiden BEST durch herausfordernde Situationen und reflektiert die Fehler. Und er schützt sie vor der bissigen Kritik der Gemeindeleute. Denn manche Gemeindeglieder erwarten ein perfektes Programm am Sonntagmorgen. Er stärkt sie im Mentoring mit den Versen aus Römer 8,15: „Denn der Geist, den ihr empfangen habt, macht euch nicht zu Sklaven, sodass ihr von neuem in Angst und Furcht leben müsstet; er hat euch zu Söhnen und Töchtern gemacht, und durch ihn rufen wir, ´wenn wir beten`: Abba, Vater!“ Neben diesen geistlichen Wahrheiten, die sie sich als Team der Vollzeiter immer wieder vor Augen halten, ermutigt Alex auch die Gemeinde, sich als „Abenteuerspielplatz der Berufungssuche“ (Padur, Felix: Gottes perfekter Plan für mein Leben – und warum mich das so richtig überfordert, in Communicatio 2, 2026, S. 32. ) zu verstehen.
Was nehme ich mit?
Alex kann nicht alle Hindernisse aus dem Weg räumen. Er muss auch nicht das perfekte Vorbild sein. Aber er kann dazu beitragen, dass junge Menschen in seiner Gemeinde lernen, Verantwortung zu übernehmen und mit Fehlern umzugehen. Das braucht Zeit, Geduld und manchmal auch die Bereitschaft, Kritik auszuhalten.
Eine zwanzigjährige ehrenamtliche Jugendgruppenhauptleiterin beschreibt, was sie von ihrem Pastor braucht: „Ich finde es wertvoll, wenn die Gemeindeleitung oder der Pastor aktiv auf uns zukommt und nachfragt, wie es uns geht und wie unsere Arbeit läuft. Es bedeutet uns viel, wenn sie wahrnehmen, wie viel wir investieren, und uns das auch sagen. Wenn sie uns beispielsweise ermutigen und betonen, dass die Jugendarbeit ein Segen für die Gemeinde ist, gibt uns das viel zurück. So merken wir, dass unsere Arbeit gesehen und geschätzt wird. Gleichzeitig ist es wichtig, dass wir mit unseren Herausforderungen zur Gemeindeleitung gehen und offen und ehrlich darüber sprechen können. Außerdem wünschen wir uns Freiraum, um Neues auszuprobieren, Dinge auch einmal umzukrempeln und uns persönlich wie auch in unserer Arbeit weiterzuentwickeln.“
Vielleicht ist genau das eine wichtige Aufgabe von Gemeinden, die junge Menschen für den pastoralen Dienst gewinnen wollen: nicht nur Ausbildungsplätze und Aufgaben anzubieten, sondern einen Ort, an dem Berufung wachsen darf und Fehler nicht gleich die Zugehörigkeit in Frage stellen. Denn Berufung trägt nicht deshalb, weil immer alles gelingt. Sie trägt, weil wir in Jesus Christus gehalten sind – auch dann, wenn wir scheitern oder zweifeln.
Zum Mitnehmen: Junge Leiterinnen und Leiter brauchen keine perfekten Vorbilder. Sie brauchen Menschen, die sie begleiten, ihnen etwas zutrauen und ihnen auch dann zur Seite stehen, wenn etwas schiefgeht.






































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