In der Zeitschrift „reformiert“ kritisiert der Historiker Hans von Rütte den Dichterpfarrer aus dem Emmental als Schwarz-Weiß-Denker, dessen konservative Haltung gesellschaftlich nicht mehr haltbar sei. Werner Eichenberger vom Gotthelf-Zentrum in Lützelflüh hält dagegen. Wer von den beiden hat nun Recht? Na, irgendwie beide. Ein Autor des frühen 19. Jahrhunderts kann mit seinem Werk und seiner Sprache nicht zeitgemäß sein. Aber trotz mancher Alterserscheinungen kann er Impulse setzen, die auch 200 Jahre später noch Bedeutung haben.
Jemand, der in keine Schublade passt
Wer war dieser Jeremias Gotthelf eigentlich? Er lebte von 1797 bis 1854. Dass der Pfarrersohn aus dem Kanton Freiburg einmal Schriftsteller sein würde, konnte sich sein Philosophielehrer nicht vorstellen, denn „er schreibt wie eine Sau“. Gotthelf studierte Theologie und begann seinen Dienst im Emmental 1832. Als Pfarrer durfte er sich nicht politisch engagieren, das hinderte ihn jedoch nicht daran, sich für eine allgemeine Schulpflicht einzusetzen, gegen die Ausbeutung von Verdingkindern zu kämpfen und Alkoholismus als gesellschaftliches Problem anzugehen.
Schon früh schrieb Albert Bitzius. Zunächst journalistisch und ohne Namensnennung, später als Buchautor unter dem Pseudonym Jeremias Gotthelf. Der selbstgewählte Name unterstrich seine fromme Haltung. Sein Erstlingswerk „Der Bauern-Spiegel“ spielt im ländlichen Emmental, allerdings verweigerte sich der Autor der biedermeierlichen Heimatromantik und verfasste ein realistisches Zeitzeugnis, mit dem er seiner Gesellschaft den Spiegel vorhielt.
Man mag dieses und die folgenden Bücher als moralisierend empfinden, denn Gotthelf verfolgte damit eine Absicht, die er direkt im Vorwort offenlegte: „Grüß Gott, liebe Leute, und zürnet nüt! Eine Gabe bringe ich euch dar, nehmt sie auf, wie sie gegeben ist, treuherzig. Ein Spiegel ist’s, doch nicht ein gemeiner, in dem ein jeder ein schönes Gesicht zu sehen glaubt, weil er das eigene erblickt. Mein Spiegel zeigt euch die Schatt- und nicht die Sonnseite eures Lebens, zeigt also, was man gewöhnlich nicht sieht, nicht sehen will…“ Gotthelf bediente damit aber keineswegs einen ältlichen Zeitgeist, sondern setzte mitten hinein in aufklärerisches Denken auf der einen und die christliche Betonung von Innerlichkeit auf der anderen Seite Akzente für einen Glauben, der gesellschaftliche Verantwortung übernehmen musste.
Impulse bis heute
Lässt man die Sprache einmal beiseite, die natürlich nicht der heutigen entspricht, dann findet man bei Gotthelf durchaus aktuelle Bezüge. Etwas augenzwinkernd weist Werner Eichenberger sogar auf politische Stellungnahmen zu den USA und Russland hin. „Russlands Despotie und Amerikas Freiheit sind zwei Schwestern, Willkür heißt ihre Mutter.“ Es hört sich an, als ob der Dichterpfarrer aus dem Emmental auf Putin und Trump reagieren würde.
Er sprach aber auch ökologische Themen an, Hochwassergefahren oder den Raubbau an den Wäldern. Und eine klare Absage erteilte er patriarchalischem Denken. In „Uli, der Knecht“ hört der Protagonist von seiner Frau deutlich: „Ich bin nicht deine Magd, sondern deine Frau!“ Und das Traktat „Die Armennoth“ ergänzt: „Gott hat das Weib nicht geschaffen zur Sklavin, dass es den Mann nähre, während er auf der faulen Haut liegt.“
Sind Jeremias Gotthelfs Bücher nun eine „zähe Lektüre“? Einlesen muss man sich schon, aber dann entdeckt man bis heute, was Gottfried Keller – Schriftstellerkollege und Kritiker Gotthelfs – im Nachruf auf ihn verfasste: „Man nennt ihn … bald dies, bald das, immer in einem günstigen beschränkten Sinne; aber die Wahrheit ist, dass er ein großes episches Genie ist.“








































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