Viele Christinnen und Christen in den USA unterstützen Präsident Donald Trump, obwohl sein Lebensstil kaum klassischen evangelikalen Moralvorstellungen entspricht. Der Basler Theologe Andreas Heuser erklärt dies im Gespräch mit dem Webportal reformiert.info mit dem Einfluss der sogenannten Herrschaftstheologie ("Dominion Theology"), die gesellschaftliche und politische Macht als Bestandteil eines göttlichen Auftrags versteht.
Trump als „moderner Kyros“
Schon im Präsidentschaftswahlkampf 2015 hätten einflussreiche Prediger Trump als von Gott berufenen Politiker dargestellt, sagt Heuser. Als Vorbild diente der persische König Kyros, den das Alte Testament als Werkzeug Gottes beschreibt. Trump sei deshalb zum Hoffnungsträger geworden, obwohl er kein typischer Vertreter evangelikaler Frömmigkeit war. „Man wusste: Dieser Mann gewinnt unsere politische Zustimmung nicht durch seinen Lebenswandel. Also suchte man im Alten Testament eine Begründung“, so Heuser. Für viele Anhänger wurde Trump dadurch zu einer von Gott erwählten Persönlichkeit, die Amerika wieder zu christlichen Werten zurückführen sollte.
Zentral für die Herrschaftstheologie sei die Vorstellung, dass Christen die wichtigsten Bereiche der Gesellschaft prägen sollen. Dazu zählen Familie, Bildung, Medien, Kultur, Wirtschaft, Religion und Politik. Diese Bereiche werden als „sieben Berge“ bezeichnet. „Diese gilt es zu besetzen, und zwar mit Persönlichkeiten, denen man zutraut, vermeintliche christliche Werte durchzusetzen.“ Trump wurde innerhalb dieses Denkens zur bevorzugten Figur für den Bereich Politik. Dabei gehe es laut Heuser nicht um eine klassische Theokratie, wohl aber um weitreichenden gesellschaftlichen Einfluss christlich-nationalistischer Vorstellungen.
Religiöse Selbstinszenierung
Nach der verlorenen Wahl gegen Joe Biden erhielt die religiöse Deutung Trumps eine neue Wendung. Im Umfeld des Sturms auf das Kapitol sei der frühere Präsident zunehmend als Opfer und Leidender dargestellt worden. „Im Umfeld des Sturms aufs Kapitol wurde Trump von Predigern neu gedeutet: nicht mehr als gesalbter Kyros, sondern als unschuldig Leidender, als Hiob.“ Diese Darstellung stärkte seine Bindung an große Teile des evangelikalen Lagers weiter und half, die Wahlniederlage religiös zu erklären.
Inzwischen sieht Heuser eine weitere Entwicklung: Trump übernehme religiöse Zuschreibungen zunehmend selbst. Besonders nach dem Attentatsversuch im Wahlkampf 2024 habe er seine Rettung als Zeichen göttlicher Führung interpretiert.
„Trump greift ins oberste Register und schreibt sich selbst eine messianische Rolle zu.“ Damit sei in den vergangenen zehn Jahren ein bemerkenswerter Wandel erfolgt: von der religiösen Deutung durch Unterstützer hin zu einer religiösen Selbstinszenierung.
Warum die Unterstützung anhält
Trotz aller Kritik bleibe die Unterstützung vieler Evangelikaler stabil, weil Trump zentrale politische Anliegen bediene. Dazu zählen der Einsatz gegen Abtreibung, konservative Familienbilder und die Vorstellung eines christlich geprägten Amerikas. Für Heuser ist die Beziehung zwischen Trump und dem evangelikalen Lager deshalb vor allem eine politische Zweckgemeinschaft. Beide Seiten profitierten voneinander: Trump von der Mobilisierungskraft seiner Anhänger und die Bewegung von politischem Einfluss bis in höchste Regierungsämter.
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