Es war eine ungewöhnliche Aussage, die ich da las und die mich überrascht innehalten ließ: „Zum ersten Mal sind junge Frauen heutzutage weniger religiös als Männer und besuchen seltener eine Gemeinde.“ So zitierte das amerikanische Relevant Magazine die Erkenntnisse einer aktuellen Studie des christlichen Meinungsforschungsinstitutes Barna.
Basis des Artikels war eine Barna-Studie über Glaubenstrends der Gen Z in den USA (die die Jahrgänge 1995 bis 2010 umfasst). Diese Studie stellte fest, dass sich heutzutage 39 Prozent der amerikanischen jungen Frauen als nicht religiös bezeichneten, verglichen mit 31 Prozent der amerikanischen jungen Männer. Vorab-Daten aus der Studie für 2025 würden diesen Trend sogar noch verstärkt zeigen, wenn man sich den regelmäßigen Gottesdienstbesuch anschauen würde: 28 Prozent der jungen Frauen kämen wöchentlich im Gegensatz zu 40 Prozent der jungen Männer.
Woher kommt diese Veränderung?
David Kinnaman, CEO der Barna-Group, sieht laut Relevant Magazine zwei Gründe dafür:
1. Verändertes Beziehungsverhalten
Klassischerweise sei in den USA die Gemeinde für junge Frauen der beste Ort gewesen, um einen potenziellen Partner zu finden, der die eigenen Werte teilt. Der Glaube, dass das dort möglich sei, würde abnehmen, da in manchen Kirchen immer noch ein Männlichkeitsideal und Rollenverständnis betont werde, das den Frauen veraltet vorkomme, während sie den Eindruck hätten, dass ihre eigenen Werte und Bedürfnisse nicht berücksichtigt würden.
2. Burnout
Jahrelang sei das große ehrenamtliche Engagement von Frauen in Gemeinde einfach für selbstverständlich genommen worden – und nun trete ein Effekt ein, den Kinnaman „Mitgefühls-Müdigkeit“ nennt: „Sie waren jahrelang das Rückgrat von so vielem und jetzt sind sie einfach erledigt.“
Dieser Trend sei durch die Corona-Zeit noch verstärkt worden, in der Frauen auch die Hauptlast der Sorgearbeit in den Familien getragen hätten. Nach der Corona-Zeit hätten viele ihre früheren ehrenamtlichen Aufgaben nicht wieder aufgenommen – und weniger jüngere Frauen seien nachgekommen, um diese Plätze einzunehmen.
Eine ähnliche Studie des „Survey Center of American Life“ nennt noch weitere Gründe dafür, dass mehr junge Frauen als je zuvor in den USA die Gemeinden verlassen würden:
3. Fokus auf der Förderung von männlichen Leitern
In den letzten Jahren hätten sich die Geschlechterrollen grundlegend verändert – innerhalb und außerhalb der Kirche. Der immer noch starke Fokus der Gemeinden darauf, hauptsächlich junge Männer zu Leitern auszubilden, vermittele jungen Frauen den Eindruck, dass ihre Stimme nicht zählen würde, und sie fragten sich, ob für sie überhaupt noch ein Platz im Rahmen des Auftrags der Gemeinde wäre.
4. Zu starke Betonung der „Purity Culture“
Lange Jahre sei jungen Frauen vermittelt worden, dass ihr Wert und ihre Heiligkeit hauptsächlich daran hingen, wie bescheiden und sexuell abstinent sie leben würden, anstatt sie in Jüngerschaft und in geistliches Wachstum zu führen. So würden sich viele junge Frauen heutzutage fragen, ob die Gemeinde jemals wirklich in ihr Glaubensleben investiert habe – oder ob es nur darum gegangen sei, dass sie die strengen moralischen Regeln einhielten.
5. Ungleiche Behandlung von Männern und Frauen
Zudem sagten 65 Prozent der jungen Frauen in der Studie, dass sie nicht glaubten, dass Gemeinden Männer und Frauen gleichberechtigt behandeln würden. In einigen konservativen Denominationen würden Frauen z. B. bis heute keine Leitungspositionen zugestanden.
Gegenläufiger Trend bei den jungen Männern
Parallel zum Rückzug der jungen Frauen taucht laut Barna-Studie überraschenderweise ein neuer Trend bei den jungen Männern in den USA auf. Während junge Frauen sich stärker aus Kirche und Gemeinde zurückziehen, würden junge Männer häufiger auftauchen. Ein möglicher Grund dafür könnte laut Barna-CEO David Kinnaman in kulturellen Verschiebungen bezüglich der Wahrnehmung von Männlichkeit liegen. Die Diskussionen um Geschlechterrollen und Infragestellen der spezifischen Aufgaben von Männern in der modernen Gesellschaft könnte laut ihm dazu führen, dass junge Männer den Glauben als stabilisierende Kraft in einer unsicheren Welt wahrnehmen würden.
Für Kinnaman ist jedoch vor allem der beginnende Exit der Frauen ein Warnsignal, den Kirchen und Gemeinden ernst nehmen müssten, da er seiner Meinung nach „die gesamte Entwicklung der amerikanischen Christenheit verändern könnte.“ Denn traditionell sei seit Jahrhunderten der Glaube innerhalb von Familien und Gemeinschaften über Frauen weitergegeben worden, sodass ihre Abwesenheit drastische Auswirkungen haben würde.
Was sollten die Gemeinden tun?
David Kinnaman rät den Gemeinden in den USA Folgendes: Zum ersten, aufhören davon auszugehen, auf Frauen als selbstverständliche Arbeitskräfte zurückgreifen zu können, und zweitens, anfangen, ihnen zuzuhören und sie wirklich miteinzubeziehen.
Denn wie Kinnaman betont, zeige die Datenlage, dass die jungen Frauen der Generation Z nicht einfach die Gemeinde ablehnen – sondern das Versagen der Gemeinden, sie auf bedeutsame Weise miteinzubeziehen.
Erste Anzeichen von Aufbruch in England
Während in den USA junge Frauen gerade dabei sind, die Kirche zu verlassen, und junge Männer neu dazuzukommen, sind in England spannenderweise erste Anzeichen von einem geistlichen Aufbruch unter jungen Menschen zu sehen.
Eine neue Studie der englischen Bibelgesellschaft mit dem Titel „The Quiet Revival“ („Die stille Erweckung“) berichtet, dass die Zahl der Kirchenbesucher in England und Wales allgemein steige – aber dass das größte Wachstum von Gemeindebesuchern bei jungen Erwachsenen, besonders bei jungen Männern zu beobachten sei:
Während im Jahr 2018 nur 4 Prozent der 18-24-Jährigen Personen sagten, dass sie zumindest einmal im Monat zur Kirche gehen, ist diese Zahl heute auf 16 Prozent gestiegen. Bei den jungen Frauen stieg der Anteil dabei von 3 auf 12 Prozent – bei den jungen Männern sogar von 4 auf 21 Prozent!
Paul Williams, Generaldirektor der englischen Bibelgesellschaft schreibt im Vorwort des Reports „The Quiet Revival“: „Eine große Anzahl von jungen Erwachsenen – männlich wie weiblich – hat angefangen regelmäßig zur Kirche zu gehen, regelmäßig die Bibel zu lesen, zu beten und Jesus Christus als Herrn anzubeten. Eine neue Generation findet Hoffnung in der christlichen Botschaft und in christlichen Gemeinschaften.“
Und im deutschsprachigen Raum?
Noch spannender als die Entwicklungen in USA und England finde ich jedoch, wie die Tendenzen in unserer deutschsprachigen Gemeindelandschaft aussehen.
Leider liegen für den deutschsprachigen Raum keine repräsentativen Zahlen vor. Um überhaupt einen Eindruck zu bekommen, haben Evi Rodemann von LeadNow und ich online eine Umfrage unter jungen Frauen der GenZ gestartet. Wir wollten erfahren, wie sie die Situation junger Frauen in Kirchen und Gemeinden hierzulande wahrnehmen. An der Umfrage haben 43 Frauen zwischen 20 und 35 Jahren teilgenommen, die zum größten Teil regelmäßig in eine Kirche/Gemeinde gehen.
Wir fragten sie, ob sie die Gründe, warum junge Frauen in den USA die Kirche verlassen, auch in unseren Kirchen und Gemeinden als Herausforderung sehen würden (verändertes Beziehungsverhalten, Burnout, Fokus auf der Förderung von männlichen Leitern, zu starke Betonung der Purity Culture, ungleiche Behandlung von Männern und Frauen).
Auf einer Skala von 1 (stimme überhaupt nicht zu) bis 7 (stimme voll zu) erreichten die meisten Punkte einen Durchschnittswert von 5, was einer sehr hohen Zustimmung entspricht und uns auch hierzulande zu denken geben sollte.
Woran liegt das?
Natürlich hat Evi Rodemann und mich auch interessiert, welche Gründe unsere Umfrageteilnehmerinnen sehen, warum junge Frauen Kirchen und Gemeinden verlassen.
Sehr häufig wurde die wahrgenommene fehlende Gleichberechtigung und geringe Wertschätzung der weiblichen Perspektive genannt. Vorherrschende konservative Rollenbilder würden dazu führen, dass von Frauen erwartet würde, dass sie früh heiraten sollen, kaum geistlich gefördert würden und wenig Zugang zu Leitungsrollen hätten. Daneben wurden aber auch ganz praktisch tiefgehende Angebote und Gemeinschaft für die entsprechende Altersgruppe vermisst.
Als weitere Gründe wurde genannt, dass es in Kirchen und Gemeinden geistlichen Missbrauch und Rassismus gäbe, obwohl das im Widerspruch zu den christlichen Werten stehe. Häufig wurden auch zunehmende Schwierigkeiten, die konservativen Ansichten der Gemeinde mit den persönlichen Ansichten zu vereinen genannt, die dazu führten, dass junge Frauen Kirchen und Gemeinden den Rücken kehren.
Gründe, warum junge Frauen Kirchen und Gemeinden verlassen
● Festhalten der Kirchen und Gemeinden an traditionellen Rollenbildern
● Fehlende Gleichberechtigung und Wertschätzung weiblicher Perspektiven
● Begrenzte Möglichkeiten für Frauen in Leitungspositionen und Predigten
● Geistlicher Missbrauch und sexuelle Belästigung
● Rassismus und Menschenfeindlichkeit trotz Predigen von Nächstenliebe
● Fehlende Angebote für bestimmte Altersgruppen und Singles
● Mangel an tiefgehender und bedeutsamer Gemeinschaft und geistlicher Begleitung
● Schwierigkeiten, konservative Meinungen mit persönlichen Ansichten zu vereinen
Die Antworten stammen aus einer Online-Umfrage unter Frauen der GenZ, die Evi Rodemann von LeadNow und JOYCE-Redakteurin Melanie Carstens gestartet haben. An der Umfrage haben 43 Frauen zwischen 20 und 35 Jahren aus Deutschland (90 %), der Schweiz (5 %) und Österreich (5 %) teilgenommen.
Persönliche Beobachtungen
Neben den Ergebnissen unserer Umfrage habe ich auch einige Leiterinnen und Leiter im deutschsprachigen Raum nach ihrer Einschätzung gefragt, wie sie die Situation junger Frauen in unseren Kirchen und Gemeinden wahrnehmen würden. Hier stellvertretend drei persönliche Wahrnehmungen:
Die Theologin Evi Rodemann, die mit ihrem Team von LeadNow junge Leiterinnen und Leiter fördert, hat gemischte Gefühle, wenn sie an die GenZ denkt: „Ich freue mich über den Aufbruch, den es zurzeit in England gibt. Eine Hälfte meines Herzes ist dennoch sehr besorgt, wenn es um die Integration und Förderung von jungen Frauen geht. Wenn wir deren Stimmen nicht ernst nehmen, werden sie sich leise verabschieden und damit für weitreichende Konsequenzen in unserem Gemeindeleben und missionarischen Diensten sorgen. Jetzt ist der Zeitpunkt, gezielt die hier genannten Themen zu thematisieren und sich gemeinsam auf den Weg zu machen.“
Angela Schmidt, Co-Chefredakteurin des von Campus für Christus Schweiz herausgegebenen Amen-Magazins meinte, dass sie in ihrem unmittelbaren Umfeld ähnliche Entwicklungen erlebe, wie sie auch in der Barna-Studie genannt wurden:
„Mehrere Frauen und Mütter aus meinem direkten Umfeld haben vor ein paar Jahren ihrer Kirche den Rücken gekehrt, machen nicht mehr mit beim wöchentlichen Gottesdienstbetrieb, bei dem sie jahrelang ehrenamtlich an vorderster Front mitgewirkt haben, und suchen sich andere, leisere, intimere, selbstermächtigende Formen des Miteinander-Unterwegsseins – teils nur unter Frauen, aber auch mit anderen Familien. Diese Formen hatten sie schon zuvor in einer gewissen Weise (Kleingruppen, Mütter-Kind-Treffs etc.), nun bauen sie diese einfach um beziehungsweise aus.“
Lothar Krauss, der durch seine jahrzehntelange Tätigkeit als Pastor, Coach, Blogger und Sprecher viele Erfahrungen in der christlichen Szene gesammelt hat, nimmt als Pastor der VivaKirche in Mannheim seine Gemeinde als einen Ort wahr, wo Frauen sehr aktiv sind: „Frauen – auch über die jungen Generationen hinaus – sind sehr präsent und engagiert in allen Bereichen. Sie übernehmen Verantwortung im Ältestenkreis, in Leitungsteams und weiteren zentralen Aufgabenfeldern.“ Ein Grund dafür könnte auch daran liegen, dass er sagt, für sie als Gemeinde spiele die Frage nach dem Geschlecht in der Vergabe von Verantwortung kaum eine Rolle, „vielmehr schauen wir auf Begabung, Berufung und Bereitschaft.“
Was müsste sich ändern?
Darin könnte ein Schlüssel liegen. Denn neben der Frage, warum sich junge Frauen von Kirche und Gemeinde abwenden, haben Evi Rodemann und ich unsere Umfrageteilnehmerinnen auch gefragt: Was müsste sich ändern, damit Kirche für jüngere Frauen (wieder) relevant wird oder bleibt? Folgende Punkte wurden uns genannt:
Frauen wünschen sich mehr Gleichberechtigung und Repräsentation, etwa durch Beteiligung an Leitungsfunktionen und stärkere Sichtbarkeit weiblicher Perspektiven in Kirche und Predigt. Daneben wurde der Wunsch nach mehr Vielfalt und Inklusivität geäußert, die Anerkennung unterschiedlicher Lebensformen wie Singles oder Alleinerziehende und auch ein anderer Umgang mit queeren Frauen. Gewünscht wurden auch mehr Gemeinschaft und dass die Angebote der Gemeinden vielfältiger würden: altersunabhängig, lebensnah – nicht nur für Familien, sondern auch für Singles – sowie Begleitung durch Mentoring und die Möglichkeit zu niederschwelligen Begegnungen.
Eine große Rolle spielte auch der Wunsch nach Veränderung und Modernisierung der Kirchen und Gemeinde – dass die konservativen Ansichten und kirchlichen Strukturen an moderne Lebensentwürfe angepasst würden. Und dass es Angebote gäbe, die das persönliche und geistliche Wachstum – nicht nur von jungen Männern, sondern auch von jungen Frauen – fördern würden.
Und jetzt?
Noch erleben wir bei uns im deutschsprachigen Raum in den lebendigen Kirchen und Gemeinden zwar weder, dass dutzendweise junge Frauen sie verlassen wie in den USA, aber es ist auch noch keine geistliche Aufbruchsstimmung in der GenZ erkennbar wie in England. Und wie die Teilnehmerinnen unserer Umfrage nehme ich wahr, dass in vielen unserer Kirchen und Gemeinden junge Frauen – bei allen positiven Veränderungen, die es über die Jahre gab – immer noch mit vielen Herausforderungen und Hindernissen zu kämpfen haben, die sie zweifeln lassen, ob sie dort wirklich auf Dauer bleiben und sich engagieren können.
Deshalb ist mein großer Wunsch, dass wir jetzt schon unsere Kirchen und Gemeinden so gestalten, dass hier beide – sowohl junge Frauen als auch junge Männer – ein geistliches Zuhause finden, in dem sie sich ihren Begabungen entsprechend einbringen können, wertgeschätzt, gefördert und ermutigt werden, völlig unabhängig von ihrem Geschlecht.
Melanie Carstens ist Chefredakteurin von JOYCE und lebt mit ihrer Familie in Hamburg. Die Umfrage wurde von Evi Rodemann von LeadNow erstellt.
Quellen: https://relevantmagazine.com/faith/church/why-young-women-are-leaving-the-church-more-than-ever/www.americansurveycenter.org/newsletter/young-women-are-leaving-church-in-uprecedented-numbers/www.biblesociety.org.uk/research/quiet-revival8








































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