Niemals hätte Irma als junge Braut gedacht, wie sehr sie in ihrer Ehe mit Reynold leiden würde – körperlich und seelisch. Gemeinsam mit Reynold und ihren vier Kindern lebt die 49-Jährige in Manokwari auf Westpapua (Indonesien). Sie wuchs in einer christlichen Familie auf und entschied sich früh, Jesus Christus nachzufolgen. „Mir wurde beigebracht, dass die Wahl meines Ehemannes die zweitwichtigste Entscheidung meines Lebens ist. Deshalb betete ich bereits als Teenager, dass Gott mir den richtigen Partner schenken würde“, erinnert sie sich.
Mit 28 Jahren lernte sie ihren Traummann kennen, einen Polizisten. „Reynold war so freundlich und zuvorkommend. Er ging auch in eine Gemeinde, war in der Stadt sehr angesehen – und sehr gut aussehend“, erinnert sich Irma lächelnd an ihr Kennenlernen. Der drei Jahre jüngere Reynold verliebte sich beim ersten Treffen in sie, die Schönheitskönigin von Manokwari. Irma war beeindruckt von der Wertschätzung, die er ihr entgegenbrachte. „Ich betete viel für ihn und uns.“ Sie machte Reynold klar, dass sie keine unverbindliche Beziehung wollte. Daraufhin machte er ihr einen Heiratsantrag – und sie sagte begeistert Ja. Auf den Hochzeitsbildern strahlt das junge Paar. Bald wurde Irma schwanger, ihre Tochter Nasya wurde geboren. Doch nach zwei Ehejahren fielen dunkle Schatten auf das Familienglück.
Der Leidensweg beginnt
Reynold veränderte sich. Er hatte viel Stress auf der Arbeit und wurde ungeduldig und jähzornig. In dieser Zeit kam ihr zweites Kind zur Welt, ein Sohn. Irma gab ihm den Namen Eleasar, was „Gott hilft“ bedeutet. Sie hoffte, dass alles bald wieder gut werden würde. Doch das Gegenteil war der Fall. Als Reynold einmal nachts nicht nach Hause kam, fragte Irma ihn, wo er gewesen sei. Er gab ihr eine Ohrfeige. „Jetzt bin ich doch wieder da, das hat dich gar nichts anzugehen!“, brüllte er, während Irma sich die Wange hielt. „Ich war so schockiert“, sagt Irma. „Das war nicht mehr der Mann, den ich geheiratet hatte.“
Die Ohrfeige war der Anfang einer über zehnjährigen Leidensgeschichte. Doch das ahnte Irma damals nicht. Sie erinnerte Gott an seine Versprechen. „Ich sagte: ‚Ehe und Familie sind deine Idee. Aber so wie ich es erlebe, soll es nicht sein. Greif ein!‘“ Reynold verbot ihr, mit Gott zu reden. Ertappte er sie dabei, wie sie auf Knien zu Gott flehte, stieß er sie mit seinem Fuß in den Rücken und bedrohte sie. Deshalb zog sie sich heimlich in einen Abstellraum unter dem Dach zurück.
„Hier konnte ich rechtzeitig Reynolds Motorrad hören, wenn er nach Hause kam, und schnell nach unten gehen“, sagt Irma und geht auf einer steilen Holztreppe ohne Geländer in den kleinen Gebetsraum, ihren „secret place“. Ein Lüftchen bewegt den Vorhang vor dem vergitterten, offenen Fenster, man hört das Gackern der Hühner dahinter. In der Ecke stehen Kisten und ausrangierte Sachen, an den Wänden hängen Poster mit Gottes Verheißungen. Auf dem Boden hat sie unzählige Kämpfe auf Knien ausgefochten und bis heute ist das ihr Ort, an dem sie Zeit mit Jesus verbringt.
Immer wieder klagte sie Gott ihr Leid. „Manchmal ermutigte er mich, zum Beispiel mit Psalm 23. Einmal fragte er mich, ob ich ihn über alles andere lieben würde. Ich antwortete ihm ehrlich: ‚Ja, ich liebe dich und ich folge dir – aber mein Leben fühlt sich an wie die Hölle. Bitte hilf mir!‘“ Wenn ihr die Worte ausgingen, betete Irma mit Bibelversen wie diesem: „Steh auf, Herr! Gott, erhebe deine mächtige Hand! Vergiss die nicht, die erlittenes Unrecht geduldig ertragen!“ (Psalm 10,12, NGÜ).
Eine Liebe, die bleibt
Nachts lag Irma wach und fragte Gott: „Warum ich, Herr? Warum?“ Inzwischen hatte sie eine weitere Tochter bekommen, Shalom. Ihr Name bedeutet „Frieden“. Friede wünschte sich Irma so sehr. Aber Reynold griff immer häufiger zum Alkohol, später kamen Drogen dazu. „Eines Tages drohte er, mich umzubringen“, erzählt Irma. „Ich wusste, dass er dazu fähig wäre. Als Polizist trug er eine Waffe und einmal schoss er auf der Veranda die Lampe kaputt.“
Lange Zeit erzählte die junge Mutter niemandem von den Misshandlungen. Zu groß war die Scham. Doch dann vertraute sie sich ihrem Gebetskreis und ihren Eltern an. Ihr Vater und ihre Mutter drängten sie, Reynold zu verlassen. „Ich hatte diesen Gedanken selbst immer wieder. Hätte Reynold sich auch gegen die Kinder gewandt, wäre ich gegangen“, sagt Irma. „Doch Gott sprach zu mir und sagte: ‚Liebe mich mehr als Reynold und halte dein Eheversprechen. Ich kümmere mich um deinen Mann.‘“ So blieb Irma und vertraute Gott. Vor ihrem inneren Auge sah sie, was nach menschlichem Ermessen unmöglich schien: einen befreiten Mann, der anderen leidenschaftlich von Jesus erzählte. „Er ist viel mutiger und unerschrockener als ich. Wenn er das für Gottes Reich einsetzen würde, dachte ich, würde er so viel mehr erreichen, als ich es jemals könnte“, erzählt Irma. „Und so betete ich: ‚Mache ihn zu deinem Nachfolger, der andere für dich gewinnt. Brich die Ketten entzwei, die ihn gefangen halten.‘“
„Wie könnte ich nicht vergeben?“
Eines Tages packte Reynold seine Sachen und zog in das Hotel eines Freundes. Dort vergnügte er sich mit anderen Frauen. „Ich litt sehr“, berichtet Irma. „Aber ich betete immer wieder für meinen Mann und hielt mir vor Augen, dass Gott die Kontrolle hatte. Ich konzentrierte mich auf meine Kinder, meine Arbeit und meinen Dienst in der Gemeinde.“ An Ostern hatte sie den Eindruck, dass Gott sie auffordere, ihren Mann im Hotel zu besuchen, um mit ihm das Abendmahl zu feiern. Sie gehorchte – doch Reynold verspottete sie.
Drei Tage später hatte er einen Motorradunfall und wurde schwer verletzt. Irma kam und kümmerte sich um ihren Ehemann, der ihr so viel Böses angetan hatte. Doch noch immer kehrte Reynold nicht um. Einige Zeit später brachte ihn sein Jähzorn auf der Arbeit in seiner Spezialeinheit in große Schwierigkeiten. Er floh vor den Kollegen und versteckte sich im Dschungel. Irma betete mit ihren Freunden für ihn. Reynold war am Ende. Da stieg ein Kirchenlied aus längst vergangenen Zeiten in seiner Erinnerung auf. Es handelte von einem zerbrochenen Gefäß, aus dem Gott, der Töpfer, ein neues Gefäß gestaltete. Reynold hörte die sanfte Stimme Gottes und erinnerte sich an die Geschichte des verlorenen Sohnes, wie er bei den Schweinen saß und dass der Vater ihm vergab. Dort, mitten im Dschungel, zerbrach etwas in ihm. Er rief Irma an und bat sie um Vergebung. „Möchtest du immer noch, dass ich zu euch nach Hause zurückkomme?“, fragte er sie. Und Irma wollte. Nach zehn Jahren hatte Gott ihr Flehen erhört!
Auf die Frage, wie sie es geschafft hat, ihrem gewalttätigen und untreuen Ehemann zu vergeben, zeigt sie auf ein Bild, das bei ihnen im Schlafzimmer hängt. Es zeigt Jesus mit einer Dornenkrone. Darunter steht das Wort „VERGEBEN“ und der Bibelvers: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lukas 23,34) „Früher hing dieses Bild nicht dort, das hätte Reynold nie zugelassen. Als er mich verließ, hängte ich es auf und erinnerte mich daran, wie Jesus selbst seinen Feinden vergab. Wie könnte ich Reynold nicht vergeben, wenn Gott ihm vergab?“
Die Vision wird wahr
„Gewiss war nicht alles auf einmal gut“, erinnert sich Irma. „Mein Mann hatte viel in Ordnung zu bringen, auch an der Arbeitsstelle.“ Doch Irma sah, wie Reynold sich bemühte, ein guter Ehemann und Vater zu sein. Reynold begann, die Bibel von Anfang an durchzulesen. Er war sich nicht sicher, ob Gott ihm wirklich vergeben hatte. Als er die Geschichte von Gideon las, der Gott um ein Zeichen bat, betete er für einen weiteren Sohn als Zeichen, dass Gott ihm vergeben hatte. Gott erhörte dieses Gebet – kurz darauf war Irma mit dem vierten Kind schwanger, einem Sohn. Gideon ist heute zehn Jahre alt.
Gott veränderte Reynold immer mehr. Inzwischen ist er Diakon in der Gemeinde und ein leidenschaftlicher Evangelist, wie Irma es vorausgesehen hat. Gott legte Reynold aufs Herz, Häftlingen von Jesus zu erzählen. Jeden Sonntag geht er ins Gefängnis und feiert mit den Gefangenen einen Gottesdienst. Er fordert sie auf, ihr Leben zu ändern, schenkt ihnen eine Bibel und liest mit ihnen gemeinsam in Gottes Wort. Irma unterstützt ihn dabei. „Immer wieder kommen in der Stadt Leute auf Reynold zu und sagen ihm: ‚Erinnerst du dich an mich? Dank dir habe ich im Gefängnis ein neues Leben begonnen. Danke!‘“
Ermutigerin für andere
Irma arbeitet mittlerweile im Sozialministerium der Provinzregierung im Bereich „Häusliche Gewalt“. Dort berät sie betroffene Frauen zu staatlichen Hilfen. Sie weiß nur allzu gut, wie schwer es ist, aus einer gewalttätigen Ehe zu fliehen. „Ich bin bei Reynold geblieben, weil Gott mir immer wieder zugesprochen hat, dass alles gut werden würde. Doch grundsätzlich ist eine räumliche Trennung der beste Weg.“ Wenn sich die Gelegenheit bietet, erzählt sie den Frauen von Jesus und wie er ihr geholfen hat. „Gott hat nicht nur meinem Mann geholfen, sich zu verändern, sondern er hat auch an meinem Charakter gearbeitet. Ich habe gelernt, mich gegen Bitterkeit und Hass zu entscheiden und stattdessen zu vergeben und ein Leben in Freiheit zu führen. Ohne Jesus hätte ich das nicht geschafft“, ist sie überzeugt. „Unsere Geschichte ist ein Beweis dafür, dass bei Gott selbst das Unmögliche möglich ist“, sagt sie mit einem Lächeln.
Salome E. Mayer leitet die Kommunikationsabteilung der Stiftung „Bibel Liga“. Auf ihrer Reise nach Indonesien hat sie Irma und Reynold kennengelernt. Dort unterstützt die Organisation Reynolds Dienst im Gefängnis mit Bibeln und Kursmaterial (www.bibelliga.org).








































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