Wie ist es, arm zu sein?
Patricia war mit ihren beiden Kindern obdachlos.
An alles aus dieser Zeit kann ich mich nicht mehr erinnern, manche Details sind in meiner Erinnerung ausgeblendet. Vielleicht ist das ein gesunder Abwehrmechanismus. Ich war Anfang zwanzig und zog mit meinem Mann und unserer kleinen Tochter in eine mir unbekannte Stadt. Wir kamen bei meinem Schwager unter, der mit komplexer Alkoholproblematik kämpfte. Ich konnte mich nicht anpassen, wir bekamen Streit, und obwohl ich wieder schwanger war, wurde ich auf die Straße gesetzt. Mein Besitz war weg, mir blieb nur eine Tasche mit Kleidung für meine Tochter.
Wir waren noch verheiratet, aber mein Mann wollte sich nicht an den Kosten für meine Tochter beteiligen, darum konnte ich keine Sozialhilfe beantragen. Wegen seiner hohen Spiel- und Mietschulden wurde mir auch keine Sozialwohnung zugewiesen. Ein soziales Netzwerk hatte ich nicht. Durch den psychischen und körperlichen Missbrauch in meiner Beziehung ließ ich keine Nähe mehr zu, auch nicht von meinen Eltern – die Angst und Scham waren zu groß. Also hangelte ich mich von Obdachlosenheim zu Obdachlosenheim, die nicht für Frauen mit Kindern eingerichtet sind. Ich konnte überall nur kurz bleiben. Jede Nacht musste ich wieder fürchten, auf der Straße schlafen zu müssen.
Schließlich trafen wir einen alten Bekannten, der uns ein halbes Jahr bei sich wohnen ließ. Eine Hilfsorganisation verhalf uns zu einer Wohnung und einem Einkommen. Damit endete eine Reise von zwei Jahren, an die sich meine Kinder Gott sei Dank nicht mehr aktiv erinnern.
Rückblickend hat diese Lebensphase mich natürlich geprägt. In meiner Kindheit kannte ich keine Geldsorgen. Diese Naivität ist verschwunden. Dass ich genug Geld habe, um Essen zu kaufen, dass ich die Heizrechnung bezahlen kann – für all diese Dinge bin ich sehr dankbar, weil ich weiß, dass sie nicht selbstverständlich sind.
Ich bin auch ein Stubenhocker geworden, der nicht mehr gerne wegfährt. Zu Hause fühle ich mich sicher. Mein größter Halt ist aber Gott. Er hat mich mit seiner enormen Geduld, Vergebung, Liebe und Gnade gerettet – aus der Obdachlosigkeit, aber auch aus meinen destruktiven Denkmustern und Entscheidungen. Aus meinem Elend heraus erfuhr ich Gottes Rettung. So habe ich das auch bei meiner Taufe bezeugt und an dieser Gewissheit halte ich fest.
Welche Botschaft hat Gott für arme Menschen?
Uwe Heimowski ist Geschäftsführer der christlichen Hilfsorganisation Tearfund, die sich weltweit gegen Armut und für gerechte und nachhaltige Entwicklung einsetzt.
„Glücklich seid ihr Armen, denn euch gehört Gottes Reich.“ Wie deutest du diesen Vers?
Manchmal wird Armut fast ein wenig „romantisiert“ – Arme seien glücklicher, weil sie nicht von materiellen Sorgen umgetrieben werden. Aber das ist zynisch. Menschen in extremer Armut leiden bitter: Ihre Kinder sterben, sie werden ausgebeutet und erniedrigt. Auch relative Armut, wie wir sie in Deutschland kennen, ist schwer. Arme haben weniger Bildungschancen, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben ist oft stark eingeschränkt.
Die Aussage in der Bergpredigt und in der Feldrede bei Lukas muss man im Zusammenhang lesen. Warum sind die Armen „glückselig“? Weil ihnen das Himmelreich gehört. Im Reich Gottes sind sie keine Menschen zweiter Klasse, sondern gehören vollwertig dazu. In der Begegnung mit armen Menschen hat mich oft überrascht, wie tief ihre Frömmigkeit ist und wie lebendig die Hoffnung auf die Ewigkeit.
Ist die Hoffnung auf den Himmel dann der einzige Trost für Menschen, die in Armut leben?
Nein. Das „Himmelreich“ ist das Reich Gottes – und das hat mit Jesus hier auf Erden begonnen. Wir beten im Vaterunser „Dein Reich komme, wie im Himmel, so auf Erden“. Jesus ist eine Stimme für die Armen, er spricht sehr oft von Gerechtigkeit und prangert sehr deutlich die Menschen an, die sich auf Kosten der Armen bereichern.
Und auch wir Christen sind eindeutig aufgefordert, eine prophetische Stimme für die Armen zu sein. In seiner Biografie „Hoffe!“ hat der verstorbene Papst Franziskus das noch einmal betont. Geschieht es? Ja. Diakonie, Caritas, Kirchen melden sich immer wieder zu Wort. Geschieht es genug? Eindeutig nein. Angesichts der Entwicklungen auf der Welt, wo nationale Egoismen immer stärker werden oder Superreiche wie Elon Musk Entwicklungshilfen streichen, kann die Stimme der Christen gar nicht laut genug sein.
Jesus sagte einmal: „Die Armen habt ihr allzeit bei euch.“ (Matthäus 26,11). Ist das die Realität in unseren christlichen Gemeinschaften?
Viele Mitglieder von Kirchen und Freikirchen sind eher im Mittelstand einzuordnen. Arme sind oft weniger Teil der Gemeinschaft als eher Empfänger von Hilfsprogrammen. Dabei lesen wir in der Apostelgeschichte, dass die ersten Christen anders dachten und handelten. In der Theologie spricht man auch von einer „Option für die Armen“: Die Armen sind nicht nur Objekte einer helfenden Kirche, sondern gestalten diese aktiv mit.
Die Geschichte zeigt, dass es immer wieder Menschen gibt, die Jesus folgen und sich für Arme einsetzen. Ohne diese Menschen, die im Namen Gottes handeln, sähe die Welt viel schlechter aus. Und ja, es gibt auch Gemeinden, wo das Zusammenleben zwischen Arm und Reich gelingt.
Wie können Gemeinden armen Menschen ein Zuhause bieten?
Harald Specht ist Gemeindeleiter des Freien Evangelischen Zentrums (FEZ) Hameln, hier wird armen Menschen gern geholfen.
Bei uns gehören hilfsbedürftige Menschen zum Gemeindeleben dazu. Manche kommen zu uns, weil sie ohne große Diskussionen praktische oder finanzielle Hilfe bekommen. Sie sind allerdings mehr als nur Empfänger – sie geben auch zurück, wie die arme Witwe in Markus 12,42, die von Jesus ausdrücklich für ihre „kleine“ Spende gelobt wurde. Ein Beispiel: Wir haben eine Gruppe von Sinti in unserer Gemeinde, die von dem wenigen Besitz, den sie haben, viel geben. Und von ihrem Reichtum an Mitgefühl und Gastfreundlichkeit profitieren wir absolut mit. In den sechziger Jahren organisierten wir in einem ausrangierten Postbus Gottesdienste zwischen ihren Wohnwagen. Sie verhielten sich nicht typisch fromm, rauchten zum Beispiel während der Predigt, das erforderte ein weites Herz. Aber wir wollten ihnen ja das Evangelium bringen, nicht unsere Kultur. Und das wirkte: Von den Exoten entwickelten sie sich zu einem festen Kern unserer Gemeinschaft.
Auch heute schließen sich regelmäßig Leute an, die praktische Unterstützung brauchen. Ein paar Erfahrungswerte habe ich dabei gesammelt:
Erstens: Hilfe aus dem privaten Portemonnaie funktioniert besser als aus der Gemeindekasse. Laut Satzung können wir zwar Geld für wohltätige Zwecke einsetzen, aber dann müssen wir prüfen, wo das Geld hingeht, wie hoch das Einkommen des potenziellen Empfängers ist und so weiter. Alles ziemlich indiskret und umständlich. Viel lieber fragen wir Einzelne: Du, hier gibt’s ein Problem, könntest du vielleicht helfen? Das kommt dem ursprünglichen Akt des Teilens auch viel näher.
Zweitens: Meine Gemeinde unterstützt eher konkrete Hilfsanfragen als anonyme Spendenzwecke. Wir haben Kontakt zu einem Kinderheim in Haiti, dessen Gründer letztes Jahr durch den dortigen Bandenkrieg in eine lebensbedrohliche Situation kam. Wir haben spontan 850 Euro eingesammelt – für unsere kleine Gemeinde eine riesige Summe – und konnten dadurch die Flucht aus Haiti ermöglichen.
Drittens: Ich verleihe nur noch ungern Geld. Wenn es mit der Rückzahlung nicht funktioniert, bleibt der- oder diejenige aus Scham weg. Das empfinde ich als ein zu großes Opfer. Es ist eigentlich wie beim Vergeben: Erlass dem andern die Schuld, das ist für beide Seiten viel befreiender.
Ich persönlich denke, dass ich mich nicht abwenden sollte, wenn mich jemand um etwas bittet. Ich teile einen kleinen Teil meines Reichtums, ohne endlos zu reflektieren, was der andere wohl damit macht. Dabei inspiriert mich Jesu Endzeitrede, in der er sagt: „Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“ (Matthäus 25,40). In den „Geringsten“ können wir Jesus entdecken. Ihnen hat Jesus das Evangelium verkündet. Ich will Armut nicht schönreden, und nicht jeder wird automatisch fromm, der sich ohne Besitz durchs Leben schlagen muss. Ich habe aber beobachtet, dass Armut als Beschleuniger funktionieren kann, je nachdem, in welche Richtung man unterwegs ist: nach unten oder nach oben. Hoffentlich auch mitten hinein in christliche Gemeinschaften, um dort zum Segen für alle Beteiligten zu werden.
Anna Fennema









































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