Streit zu vermeiden, ist keine gute Strategie, um Harmonie zu
schaffen. Aber wie können wir richtig streiten? Und was behindert eine gute Streitkultur?
Kommt ein Paar in die Paarberatung. Sie sind seit vielen Jahren verheiratet. Es geht ihnen nicht gut. Spannung und Aggression liegen in der Luft. „Wir haben noch nie gestritten. Darauf waren wir stolz.“ Nach und nach stellen beide allerdings fest, dass sie nicht mehr über den Teppich ihres gemeinsamen Lebens gehen können, ohne dabei halsbrecherisch zu stolpern. Seit Jahren haben sie alles druntergekehrt. Keine gute Idee!
Szenenwechsel: die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen. Das Orchester, das häufig ohne Dirigenten auskommt, hat innovative Konzepte der Selbstorganisation entwickelt. Die Kernthese lautet: „Höchstleistung braucht Dissonanz.“ Höchstleistungsteams funktionieren besser, wenn Gegensätze zugelassen, gesucht und auf gute Art und Weise ausgehandelt werden. In Bremen wurde das 5-Sekunden-Modell entwickelt, das längst Eingang in Führungs- und Managementschulungen gefunden hat. Es meint die bewusste Implementierung und In-Szene-Setzung von logischen Widersprüchen. Zum Beispiel als Team (Orchester) gleichsam Perfektion anzustreben, aber auch Abenteuer (Improvisation) zuzulassen. Ein toller Ansatz!
Blind für die eigenen Muster
Auch Paare und Familien sind Hochleistungsteams. Was einem Orchester guttut, kann auch diesen Systemen helfen. Wie sieht es aus mit dem Streiten und der Streitkultur? Genau daran mangelt es häufig. Es herrscht eher eine Streitunkultur mit Formen der Konfliktaustragung, die ins Dysfunktionale gehen. Von außen betrachtet sind die zerstörerischen Muster schnell erkannt. Von innen betrachtet ist es komplizierter. Da stehen sich die Protagonisten des Systems Familie oder Partnerschaft oft selbst im Weg. Oder sie sind blind für die eigenen Muster. Schließlich ist der längste Weg der Weg zu sich selbst. Mit anderen Worten: Es benötigt einen guten Selbstzugang, um sich und seiner Familie auf die Schliche zu kommen.
Vielfach wird versucht, durch Typisierung die hilfreichen oder die weniger guten Streitmuster erkennbarer zu machen. Welche Streittypen gibt es? Woran liegt es? Gibt es typische familiäre Rollen, die eingenommen werden? Ja und Nein. Ja, weil Ähnlichkeiten im Vergleich der Systeme erkennbar werden. Nein, weil dann doch alles individuell und unterschiedlichen Ursprungs ist und damit alles auch ganz anders sein kann.
So nicht!
Trotzdem möchte ich zur Verortung im Thema einige mögliche dysfunktionale Muster zum Thema Streitkultur nennen:
Je starrer und unbeweglicher ein System ist (System meint Menschen, die miteinander in Kontakt stehen: Familie, Partnerschaft, Gruppe, Gemeinde), desto schlechter wird Wandel bewältigt. Alles im Leben unterliegt beträchtlichem Wandel. Starrheit bedeutet beispielsweise Wirklichkeitsverweigerung oder Problemverdrängung. Das Negieren der Realität kann nach innen (Schweigen, still werden, Rückzug) oder nach außen (laut, aggressiv, keinen Widerspruch duldend) inszeniert werden. Das ist jedoch keine konstruktive Streitkultur. Denn es wird nicht nach verflüssigenden Lösungen gesucht, sondern um den Erhalt des Bestehenden gerungen. Eine wesentliche Basis für eine konstruktive Streitkultur ist Beweglichkeit. Auch dem Leben gegenüber.
Wenn Streit als Machtkampf geführt wird, geht es nicht darum, eine gute Lösung zu finden, sondern darum, das Gegenüber zu dominieren. „Ich sage (dir), wo es langgeht“, ist die (un)ausgesprochene Mitteilung. Diese Inszenierung variiert von laut, hemmungslos und brachial bis zum passiv aggressiven Modus, der still und sanft rüberkommt, aber ebenso toxisch ist. Eine gute Streitkultur verweigert sich dem Dominanzverhalten.
Solche Machtkämpfe sind in der Regel mit der Abwertung des Gegenübers verbunden. Der Interaktionspartner erlebt die Abwertung seiner Person ganzheitlich, auf allen Ebenen seines Seins. Und wird entsprechend der eigenen Verhaltensmuster darauf reagieren. Nicht selten wird Abwertung mit Abwertung beantwortet. Mit erwartbar negativem Gesamtergebnis. Gute Streitkultur verweigert die Abwertung des anderen.
Nicht zuhören wollen, stattdessen viel reden: Auch das ist eine hässliche Variation im Reigen der dysfunktionalen Muster mit dem Ergebnis, dass man nicht miteinander in Kontakt kommt, sondern massiv aneinander vorbeiredet. Dialog ist die Voraussetzung für eine gute Streitkultur.
Eine Frage der Rolle
Unterschiedliche Persönlichkeitsmerkmale können zu Problemen führen. Die Lösung dazu lautet, Persönlichkeitsausprägungen erkennbar zu machen. Sie nicht zu werten, sondern mit Wohlwollen zu akzeptieren. Das bereitet den Weg für eine gute Streitkultur. Wie erkennt man Persönlichkeit? Dazu gibt es viele Wege: interpretieren, deuten, testen. In der Stille, im Gebet, im fachlichen Dialog. Dazu einige Variationen:
Introvertierte Personen sind eher schweigsam. Extrovertierte Personen teilen sich gern mit. Das kann unter Stress zu Problemen führen.
Sensible Personen haben ein anderes Wahrnehmungssensorium als weniger sensible Menschen. Auch dies ist eine Herausforderung in strittigen Situationen.
Warmherzige Personen möchten unter keinen Umständen verletzend oder abgrenzend sein. Eher sachliche Menschen haben wenig Mühe damit, Klartext zu reden. Auch das ist eine Dynamik, die konfliktträchtig werden kann.
Macher und Abwarter erleben sich in der Bewältigung der Lebensherausforderungen grundlegend unterschiedlich. Auch das findet Widerhall im Konfliktverhalten.
Korrekte und unkonventionelle Personen haben komplett unterschiedliche Weltwahrnehmungen. Kein Wunder, dass dies im Konflikt zu Problemen führen kann. „Nimm doch nicht immer alles so genau“ versus „Nimm doch bitte mal irgendetwas ernst“.
Zudem hat der Aspekt der unterschiedlichen Rollen eine Bedeutung für unser Thema. Nicht immer, nicht festlegend, aber häufig bedeutsam:
die familiäre Rolle: der Rebell, der Kasper, der Professor, der Problematische …
Geschwisterkonstellation: Erstgeborene, Mittlere, Letztgeborene erleben durch ihre Prägung unterschiedliche Reaktions- und Verarbeitungsmuster unter Stress.
die berufliche Rolle
die ehrenamtliche Rolle
Nicht immer „win-win“
Das Geheimnis guter Kommunikation lautet: „Ich will dich verstehen und ich will mich dir verständlich machen.“ Dies gilt auch für eine Kultur des gelingenden Streitens. Sich trotz eines Konfliktfeldes begegnen und auseinandersetzen zu wollen, setzt den inneren Kompass der Selbstwahrnehmung, eines standfesten Selbstbewusstseins und tiefer Akzeptanz für das Gegenüber voraus. Das fällt nicht vom Himmel, sondern muss erworben werden, um auf dieser Basis unterschiedliche Sichtweisen aushandeln zu können – mit dem Bestreben, eine für alle stimmige Lösung zu finden. Klingt zu ideal? Nein. So sollte der Anspruch sein, damit unsere Welt eine bessere wird.
In Ergänzung dazu noch zwei praktische Tipps zum Thema Streitkultur:
Ein Konflikt lässt sich nicht immer lösen. Zumindest nicht immer sofort. Dann ist es eine gute Lösung, dass alle Akteure das akzeptieren, das Thema aber später erneut angehen. Vielleicht haben sich in der Zwischenzeit neue Ideen oder Perspektiven ergeben, die zu einer Lösung führen. Eine Lösung im Konfliktfall kann nicht immer „Win-win“, einvernehmlich oder bestmöglich sein. Bisweilen sind gute und tragfähige Lösungen die, die immerhin besser als die schlechteste Variante sind. Kleine Brötchen sind auch Brötchen.
Sicheres Streiten ist ein wesentlicher Aspekt guter Streitkultur. Körperliche, emotionale, sexuelle, überhaupt seelische Unversehrtheit muss die Maxime für jede Auseinandersetzung sein. Daran müssen sich alle Akteurinnen und Akteure eines Konflikts halten. Wenn Grenzüberschreitungen drohen, muss sofort eine Streitpause eingelegt werden. Time-out, Brennstäbe runterkühlen, bei Bedarf räumliche Trennung herstellen. Und – wenn möglich und sinnvoll – zu einem späteren Zeitpunkt wieder ansetzen.
Nicht reden? Keine Lösung!
Ist es sinnvoll, um der Harmonie willen zu streiten? Ja. Nicht weil Streit schön ist. Oder weil Streit die prinzipielle Ziellinie wäre. Streiten ist dann sinnvoll, wenn unterschiedliche Perspektiven, Bedürfnisse, Entscheidungen in Schwellensituationen oder Verantwortungsbereichen dies nötig machen. Nicht reden ist jedenfalls keine Lösung. Der schöpferische, gutwillige und selbstreflektive gemeinsame Umgang mit einer Unstimmigkeit ist kennzeichnend und grundlegend für Harmonie. Entscheidend für eine gute Streitkultur ist die Haltung, in der man einander begegnet. Und die Mittel, die man wählt, zum Beispiel Sprache. Die Eurythmics sangen in „Here comes the rain again“ die wunderbare Zeile: „Talk to me like lovers do.” Genau da-rum geht es: Lasst uns streiten! Aber nett!
Florian Mehring ist Psychologe und führt eine Praxis für Beratung, Supervision, Coaching und Training.









































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