Ich sitze auf dem Sofa. Ich sehe, schmecke, rieche und höre meine Kindheit in der DDR. Braunkohlegeruch. Das Schild mit ABV (Abschnittsbevollmächtigter) an der Haustür. Tauben gurren. Trabis knattern. In der Schule ein schneidiges „Seid bereit!“ Die Pfanne mit dem glatten Holzgriff auf dem Herd. Rührei dampft.
Drinnen und draußen
Justus Geilhufe wird erst nach der Wende geboren, trotzdem versteht er es meisterhaft, die Leserinnen und Leser mit auf eine Reise in den Osten Deutschlands zu nehmen. Ausgehend von der Frage: Was ist Wahrheit?, nimmt er uns mit hinein in eine Welt der 90er-Jahre, die vom Zerfall der Werte und des Kollektivs geprägt ist und in der plötzlich das Recht des Stärkeren gilt. Justus erzählt die Ostgeschichte aus zwei Perspektiven. Aus der eines jungen Mannes, der in einem Pfarrhaus aufwächst, der fröhlich in der verachteten Minderheit lebt, der drinnen ist. „Das Pfarrhaus und das Christsein waren anders als die Welt da draußen. Die Kirche hat die ihr zugewiesene Rolle angenommen. Sie war zwar mitten in der Welt, aber eben nie so wie diese Welt.“ Die Anwesenheit Gottes beschränkte sich auf den Kulturkreis der Kirche. „Wieso lässt sie sich denn taufen? Die ist doch gar nicht in der Kirche“, äußert sich ein Kirchenvorsteher völlig irritiert.
Und da ist Lars. Aus der anderen Welt. Er wächst auf in einer Plattenbausiedlung. Dort haben alle das gleiche Kinderzimmer, das gleiche Spielzeug. Alle gehen in die gleiche Krippe, die gleiche Schule. Es ist eine genormte Kindheit ohne Gott. Alle wachsen auf mit klaren Regeln und verinnerlichten Hierarchien. Lehrer, Abschnittsbevollmächtigte, Trainer, Hausmeister. Durch den Mauerfall kommt dem Staat das Kollektiv abhanden. Plötzlich ist die Wahrheit weg, die den Menschen 40 Jahre unbarmherzig eingetrichtert wurde. „Jetzt war auf einmal das, was feststand, die Ordnung im Hauseingang und mit ihm alles, was in dieser DDR gegolten hatte bis hin zu ihrem Antifaschismus, in sein Gegenteil verkehrt.“ Der Staat fällt aus als der, der sagte, was richtig und falsch ist.
Die Kirche am Rande
Und die Kirche? Sie wurde klein gemacht und hat sich zurückgezogen und steht am Rande von alledem, hat plötzlich auf die Frau im Tanga und den Mann am Grill vor dem Pfarrhaus keine Antworten.
Die starren Regeln der Kindheit entpuppen sich als sinn- und haltlos. Es folgt das Chaos der Nachwendejahre. Gab es im atheistischen Staat schon kein Verständnis für Schwache, kein Raum, kein Mitgefühl, wird es umso schwieriger, als der Deckmantel der verordneten Solidarität fällt.
„Vor 1989 bedeutete Kollektiv: leise sein und, so weit wie es ging und irgendwie erträglich war, die Staatsgewalt einfach mitmachen …“ Nach 1990 schlägt dies um. „In der DDR durch Gewalt am Kollektiv. Nach der DDR durch kollektive Gewalt.“
Doch Lars entflieht der Gewalt, der Leere, der Belanglosigkeit der Nachwendejahre. Zur Heimat wird für ihn die Förderschule, in der seine Mutter arbeitet. Dort, im Sorgen und Begleiten der Jugendlichen mit einer Behinderung, muss Lars nichts. Er kann dort sein, wie er ist. Sie zeigen ihm, was in seinem Leben schon da ist, was er bislang nicht wahrgenommen hatte. In der Hilflosigkeit, die Lars in der „Behindertenschule“ erlebt, tut sich für ihn etwas Greifbares, Sinnvolles, Handfestes auf. Die Schwäche wird zum Teil seines Daseins. Er erlebt: Wer sie verdrängt, verdrängt etwas von der Wahrheit dieser Welt. Und genau dort, wo sich Schwachheit und Wahrheit treffen, kommen Plattenbau und Pfarrhaus zusammen. In einer Schlusspointe, die für Gänsehaut bei mir auf dem Sofa sorgt, treffen in einer Osternacht Atheismus und Gottglauben aufeinander.
Der Wahrheit stellen
Diese 126 dichten Seiten sind jeder Talkshow über den Osten vorzuziehen. „Gott und die Wahrheit“ ist ein einfühlsam und differenziert geschriebenes Essay. Geilhufe versteht es zu erzählen. Seine Worte haben Tiefe, bringen verschwiegene und verdrängte Wahrheiten auf den Tisch. Ohne Vorwurf. Ohne Vorurteil. Ohne Besserwisserei. Wer das Erbe der DDR, den Platz der Kirche in ihr, die Nachwendejahre im Osten, das Phänomen AfD … verstehen will, dem sei diese Lektüre unbedingt empfohlen. Geilhufes Worte sind ein leidenschaftliches Plädoyer, ehrlich hinzuschauen, sich den Wahrheiten zu stellen, sich auf die eine Wahrheit einzulassen. „Gott und die Wahrheit“ ist eine Einladung zum Zuhören, zum Verstehen, zur Sinnesänderung, zur Aufarbeitung, zur Umkehr in West und Ost, in Kirche, Gesellschaft und Politik.







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