Eine Frau soll nicht lehren – oder doch?

Die Bibel auf einem Tisch mit vielen bunten Post-Its, auf denen Fragezeichen sind.
Symbolbild: gettyimages/ RoterPanther

In vielen Kirchen ist es selbstverständlich, dass Frauen predigen. Für andere ist das kaum denkbar. Ein genauer Blick auf die Bibelstelle zeigt, warum der Text nicht so eindeutig ist, wie er zunächst scheint.

Der US-amerikanische Präsident Thomas Jefferson (1743–1826) ist heute vor allem wegen eines speziellen Buches bekannt: der sogenannten Jefferson-Bibel. Sie besteht aus gerade noch 46 Seiten. Im Februar 1804 machte sich Jefferson nämlich mit einem Rasiermesser ans Werk und klebte sich seine eigene, bereinigte Heilige Schrift zusammen. Alles für ihn Unannehmbare ließ er weg. Das waren unter anderem alle Wunder und alles Übernatürliche. Überall also, wo er anderer Meinung war, machte er einen Schnitt.

Was der Autor eines Textes ursprünglich gemeint hat, ist mit dieser Methode natürlich nicht zu ermitteln. Warum Paulus zum Beispiel an Timotheus schrieb, dass Frauen in der Gemeinde nicht lehren dürfen – das bekommen wir nicht heraus, indem wir das Seziermesser an die Bibel und ihre Glaubwürdigkeit anlegen. Ich möchte in diesem Beitrag entfalten, dass dieses Verbot eine ganz bestimmte Bedeutung hat und den Frauen nicht generell die Verkündigung des Wortes Gottes untersagt. Dabei geht es aber nicht darum, diese Passage zurechtzustutzen. Ich möchte das Verbot nicht als etwas Zeit- oder Kontextbedingtes weg-erklären, sondern versuchen, es etwas besser zu erklären.

Eine Frau lerne …

Schauen wir einmal auf den Wortlaut. Was sagt Paulus genau?

„11 Eine Frau lerne in der Ruhe; in ganzer Unterordnung. 12 [So aber] erlaube ich einer Frau nicht zu lehren oder den Mann zu beherrschen. Sie soll vielmehr in der Ruhe sein.“ (2. Timotheus 2,11-12, Übersetzung nach dem griechischen Grundtext)

Diese beiden Verse sind von einem besonderen literarischen Stilmittel geprägt. Paulus bedient sich einer sogenannten inclusio: Er rahmt seine Aussage, und zwar mit dem zweimaligen Wort „Ruhe“. Am Anfang konkretisiert er das mit der Ergänzung der nötigen Unterordnung. Wie wir noch sehen werden, ist wohl keine zwischenmenschliche Unterordnung gemeint, sondern die Unterordnung unter einen bestimmten didaktischen Wert.

Was Paulus bis hierher sagt, ist revolutionär: Eine Frau soll lernen! Was heute diskriminierend klingt, war damals ein Türöffner. Denn eine Frau hatte normalerweise zu schweigen. Das galt im jüdischen und im hellenistischen Kontext in der großrömischen Kultur von Spanien bis an die Grenzen Asiens. Im Judentum meinten manche: Eine Frau, die lernt, wird sexuell enthemmt, denn als gebildete Frau von Welt sei sie nicht mehr nur zuhause, sondern werde sich auf fremde Männer einlassen. Im Talmud wird ein Rabbi zitiert, man solle die heiligen Schriften besser verbrennen als sie einer Frau zu übergeben. In der griechisch-römischen Kultur klingt es nicht weniger spitz. So wusste Plutarch, dass in bestimmten Regionen Frauen keine Schuhe tragen durften, damit sie den ganzen Tag das Haus nicht verließen. Die Frau wurde für ihn durch eine Schildkröte symbolisiert – als Metapher für jemanden, die „zuhause“ bleibt und schweigt.

Paulus jedoch spricht nicht von Schweigen und Stille, sondern vom Lernen in Ruhe (hēsychía). Die meisten deutschen Bibelübersetzungen haben dies nicht beachtet und schreiben „Stille“. Für Stille oder Schweigen gäbe es jedoch ein anderes griechisches Wort (sigē). Das von Paulus verwendete Wort besagt dagegen nicht, dass eine Frau still sein soll, sondern ruhig. Es geht Paulus um eine bestimmte Ordnung. Darum spricht er ergänzend von „in ganzer Unterordnung“. Er will das Lernen richtig ordnen, nämlich vorordnen: Bevor es überhaupt um die Frage des Lehrens geht, muss erst einmal richtig gelernt werden.

… sonst aber soll sie nicht lehren

Den Beginn von Vers 12 habe ich mit „So aber“ übersetzt. Dabei nehme ich auf das kleine griechische Wort dé Bezug, mit dem Paulus den Satz beginnt. Es wird meist nicht übersetzt, da dieser Partikel oft einfach den Gedankengang weiterführt. In der Regel deutet es einen schwachen Gegensatz an. Es benennt einen Vorbehalt, der aber keinem absoluten Verbot gleichkommt. Für ein absolutes Verbot und für einen Gegensatz (zwischen Lernen und Lehren) wäre ein anderes Wort das Mittel der Wahl gewesen: allá statt dé. Dann müsste man übersetzen: „Eine Frau lerne [zwar], aber zu lehren erlaube ich ihr nicht.“

Das von Paulus bewusst gewählte dé spricht stattdessen für folgende Bedeutung: „Eine Frau soll lernen, sonst erlaube ich ihr auch nicht zu lehren!“ Oder: „Wenn eine Frau nicht gelernt hat, soll sie auch nicht lehren … sie soll stattdessen die Ruhe aufsuchen.“ (Und die in Vers 12b erwähnte Ruhe ist, wie kurz zuvor gesagt, der Ort des Lernens.) Hier bahnt sich an, was Paulus im nächsten Vers mit dem Verweis auf die Urgeschichte weiterführen wird: Nicht am Ja oder Nein zum Lehren ist ihm gelegen, sondern am „richtigen“ Lehren.

Zeitbezogen oder zeitbedingt?

Mit der bis hierher entwickelten Bedeutung wird die Aussage von Paulus keineswegs als zeitbedingt relativiert. „Zeitbedingt“ heißt: Eine Aussage galt nur damals aufgrund kultureller und zeitgeschichtlicher Normen, hat aber für uns keinen normativen Charakter mehr, weil sie nicht zeitgemäß ist. Doch man muss das, was Paulus sagt, nicht zwangsläufig als zeitbedingt einklammern. Besser ist die Annahme, dass Paulus zeitbezogen argumentiert. Er nimmt eine konkrete Situation zum Anlass und formuliert ein auch für uns allgemeingültiges – wenn auch kein absolutes – Gebot: Immer, wenn eine Frau lehren will, muss sie vorher gelernt haben.

Der historische Hintergrund macht dieses Gebot bzw. Verbot plausibel. Ephesus als zentrale Kultstätte in der damaligen Türkei war insbesondere durch eine weibliche Priesterschaft des Artemiskultes bestimmt. Was nun, wenn einige dieser Frauen Christinnen wurden? Sie wechselten ihre Religion – doch wenn sie ihre Umgangsformen zunächst beibehielten, dann brachten sie eine beherrschende und dominierende Haltung mit. Dem hält Paulus entgegen: „So aber sollen sie auch nicht herrschen.“ Dabei geht es Paulus nicht um die Frage der Autorität, sondern um Abwehr von Dominanz. Das hier griechische Wort „herrschen“ betont die Eigenmächtigkeit; es klingt Übergriffigkeit und Machtmissbrauch an. Auch eine Nuance der Gewalt schwingt mit.

Nicht Schöpfung, sondern Sündenfall

Nun kommt Paulus zu seiner Begründung: „13 Denn Adam wurde zuerst gemacht, danach Eva. 14 Und Adam wurde nicht irregeführt, aber die Frau geriet in Übertretung, weil sie völlig irregeführt worden ist.“

Paulus’ Zielgedanke in seiner Begründung ist der Sündenfall. Aus der Schöpfungs-Reihenfolge (Vers 13) zieht er hier hingegen keine ausdrücklichen Schlussfolgerungen. Er argumentiert nicht auf die Schöpfungsgeschichte hin, sondern zielt auf den Bruch der Sünde, von dem er dann ausgeht. Sein Hauptargument ist weder die Priorität – „Adam war zuerst, daher soll nur ein Mann lehren“ – noch die Sexualität – „eine Frau ist leichter verführbar“. Ihm geht es stattdessen um Maturität, also um Reife. Dem Wortlaut nach wurde Eva nicht einfach „verführt“ (etwa zu verbotenem Genuss), sondern „irregeführt“. Im Kern der Übertretung liegt ein didaktisches Moment. Der Reihe nach:

Die Art der Irreführung

Die Schlange in der Urgeschichte griff bei der Versuchung die Frau an. Warum? Vielleicht sah sie hier eine Art „Sollbruchstelle“. Das Verbot Gottes war nach biblischer Erzählung allein an Adam ergangen (1. Mose 2,16). Eva war noch nicht erschaffen. Der Verlauf der Erzählung jedoch legt nahe, dass Eva um das Verbot wusste. Sie konnte den Wortlaut einigermaßen rekonstruieren. Jedoch nicht einwandfrei! Sie fügte zum Verbot nämlich hinzu, dass man die verbotene Frucht nicht einmal berühren dürfe. Davon hatte Gott jedoch nichts gesagt (vgl. 1. Mose 3,3 mit 2,17).

So kam es zur Übertretung, nachdem Eva „völlig irregeführt worden ist“ (1. Timotheus 2,14). Die Schlange machte sich Evas Skepsis gegenüber Gott zunutze. Diese Skepsis kam in der Ergänzung des Verbots zum Ausdruck. Sofort setzte die Schlange ihren Dialog mit Eva fort. Eine Behauptung nach der anderen ließ sie los (1. Mose 3,4-5), um Eva bis an den Punkt der Übertretung zu führen. Unmittelbar darauf übertrat auch Adam das Verbot, der dem langen Dialog bis hierher schweigend beigewohnt hatte. Bei ihm brauchte es keine weitere Überzeugungsarbeit, es bedurfte lediglich der simplen Handreichung seiner Frau. Da kann man sich schon fragen, wer von beiden denn leichter verführbar war! Ganz klar: Nach 1. Mose 3 haben beide Gottes Gebot übertreten. Paulus betont hingegen, dass nur Eva in die Irre geführt wurde, und dies geschah aufgrund ihres ungenauen Wissens über Gottes Gebot.

Der Unterschied, auf den Paulus hinauswill, liegt also in der Art der Irreführung. Bei Adam sagt er: „Adam wurde nicht irregeführt“. Sinngemäß müsste man ergänzen: „Aber auch er übertrat das Gebot.“ Doch bei Eva schreibt er, sie wurde „völlig irregeführt“. Die meisten Übersetzungen beachten die feine Nuance nicht, die Paulus setzt: Er verstärkt dasselbe griechische Verb bei der Frau mit der Präposition ex, was so viel wie „gründlich“ oder „umfänglich irreführen“ bedeutet. Eva war nicht deshalb leichter verführbar, weil sie eine Frau war, sondern sie war aufgrund eines Bildungsnachteils für die Verführung anfälliger. Der Grund ist also kein wesensmäßiger, auch kein emotionaler, sondern schlicht ein rationaler: Eva hatte nicht ausreichend gelernt.

Und das Kindergebären?

Vers 15 rundet Paulus' Gedankengang ab: „Sie [eine Frau] wird aber durch das Kindergebären gerettet, wenn sie [die Kinder] mit Umsicht im Glauben, in der Liebe und in der Heiligung bleiben.“

Dieser Satz hat seine ganz eigene Problematik. Die Errettung führt Paulus sonst immer auf den Glauben zurück, nicht auf das eigene Wohlverhalten (oder das der Kinder). Als theologischen Grundsatz kann Paulus also das in Vers 15 Gesagte kaum meinen. Er dürfte sich vielmehr auch hier auf eine bestimmte Situation beziehen:

Beide Timotheusbriefe kämpfen mit einer bestimmten Sonderlehre, der sogenannten Gnosis, wörtlich „Erkenntnis“ (vgl. 1. Timotheus 6,20). Nach deren späterer Ausprägung ist alles Physische schlecht und behindert das Geistliche und Geistige. Eine Frau öffne sich demzufolge durch die Empfängnis von Kindern für das Profane. Sie distanziere sich von Geistigem und Geistlichem, vom Guten und Erhabenen. Paulus dagegen betont, dass Rettung und Heil nicht auf geistiger Ebene erlangt werden müssen, sondern im Gewöhnlichen und Natürlichen.

Am Ende seines Satzes spricht Paulus betont von der „Umsicht“. Das griechische Wort dafür bedeutet „Besonnenheit“ mit dem speziellen Akzent auf „Mäßigung“. Das rechte Maß soll herrschen – im Gesamtzusammenhang der Timotheusbriefe auch das rechte Maß zwischen Lernen und Lehren. Deshalb wird die „gesunde Lehre“ gegenüber Irrlehren so häufig betont. In Ephesus kursierten einige davon. So geriet dort nicht nur das Kindergebären, sondern auch das Heiraten in Misskredit (vgl.Timotheus 4,2-3). Auf diesem Hintergrund pocht Paulus auf das richtige Lernen und sagt: Wer nicht gelernt hat, soll nicht lehren – auch keine Speziallehren!

Warum nicht einfach, so wie es steht?

Die Anweisungen von Paulus bedeuten also kein prinzipielles Lehrverbot für Frauen. Zu dieser Auffassung kann man – wie in diesem Beitrag gezeigt – kommen, ohne die Bibel mit dem „Rasiermesser“ zurechtzustutzen.

Zweifellos wurden und werden die Vorschriften in 1. Timotheus 2 aber von vielen anders aufgefasst. Wie lassen sich diese unterschiedlichen Positionen erklären? Ich möchte zwei Gründe nennen:

Im originalsprachlichen Grundtext können manche Bibelabschnitte in verschiedener Weise gedeutet werden. Die uns vorliegenden Formulierungen sind im besten Sinne „mehrdeutig“. Eine gut verständliche Übersetzung muss sich meist für eine der verschiedenen Möglichkeiten entscheiden. Dabei geht aber naturgemäß verloren, dass man den Text auch noch in eine andere Richtung verstehen könnte. So manche Auslegungstradition beruht auf einer bestimmten Übersetzungs-Richtung. Diese Übersetzungen sind nicht falsch – aber auch nicht die einzig möglichen. Wer nie erfahren hat, dass es auch noch andere Bedeutungsvarianten gibt, der hält eine traditionelle Auslegung für völlig eindeutig.
Manche Passagen weisen besondere Klippen im Grundtext auf. Zu solchen Klippen gehören Worte, die sonst nirgends belegt sind (so das Wort „herrschen“ in unserem Text) oder auch Partikel wie dé, die nicht immer eindeutig zu übertragen sind.
Was können wir also machen? In der Erkenntnistheorie gibt es den sogenannten „Schluss auf die beste Erklärung“. Es geht darum, dass nicht diejenige Theorie die plausibelste ist, die einen einzigen Aspekt erklärt, sondern diejenige, die allen Aspekten am meisten gerecht wird. Eine solche Erklärung versuche ich in diesem Beitrag vorzulegen.

In der Geschichte der Alten Kirche haben Frauen noch jahrhundertelang Verantwortung in der Gemeinde getragen – auch indem sie lehrten. Das setzt eine Linie fort, die mit einem der letzten Worte von Jesus begann, der zu den Frauen am Ostermorgen sagte: „Geht hin und verkündet meinen Brüdern“.

Mathis Sieber ist verheiratet, Papa und leitet mit seiner Frau das Kirchen-Start-Up precious.ch.

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